Das Runde im Eckigen: Der Fußballabend von Shorts Attack


Filmszene: L´arbitro

Alljährlich im Frühjahr zeigt das Internationale Fußballfilmfestival 11mm, dass der Fußballfilm längst ein eigenes Genre ist. Es war also nur konsequent, dass wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft (9. Juni) die Interfilm-Kurzfilmreihe „Shorts Attack“ zusammen mit den 11mm-Organisatoren dem runden Leder ein eigenes, neunzig Minuten langes, Fußball-Programm widmete.

Eröffnet wurde der Abend von Juanjo Giménez Kurzfilm „Libre Indirecto“ (Indirekter Freistoß). Wem bisher nicht klar war, welche verbalen Beleidigungen ein Torwart von den gegnerischen Fans hinter seinem Tor aushalten muss, wurden hier die Augen geöffnet. Fans können in ihrem verbalisierten Hass nicht nur unerträglich – nein, unerbittlich sein. Schimpftiraden erlebt Giménez Protagonist allerdings nicht nur seitens des einzigen Fans, der hinter seinem Tor lauert. Er muss es auch mit seiner emotional desolaten Geliebten aufnehmen. Spiel oder Liebe? – Giménez entscheidet sich höchstköstlich für die großen Gefühle zwischen Mann und Frau.

Abseits“ von Friedericke Rückert und Jill Teichgräber stellt das Spiel geradezu auf den Kopf. Ein Kampf unter Wasser. Kurzweilig und für jeden Unterwasserakteur sicherlich ein großer Spaß. Den Zuschauer freut dagegen die Kürze des Films, eine Minute reichte vollkommen aus. Die Dokumentation „Lucos De Futball“ (Beyond Soccer) lässt sich, ganz entgegen des englischen Titels, mit „Das Verrückte am Fußball“ übersetzen. Halder Gomes 19-minütiger Film zeigt die Emotionen und die Begeisterung brasilianischer Fans während eines Fußballspiels. Eindrucksvoll dokumentiert der Regisseur, was sich in den Gesichtern der Menschen abspielt, wie sie fiebern und mit Inbrunst ihre Liebe zum Spiel leben. „Lucos De Futball“ ist ein kleines Fenster für all diejenigen, denen die Tür zum Fußballsport bisher verschlossen war (ist). Staunend sieht man dem Treiben auf der Leinwand zu. Die Stimmung des Films überträgt sich auf den Zuschauer. Gomes´ Film wirkt wie eine Aufforderung zum Selbstexperiment – ein ausgelegtes Zuckerstück, das Lust auf Adrenalin und Stadionatmosphäre macht.

Faszination und Erleben war auch das Thema des nächsten Films. „Whatever Turns You On“ verheimlicht in seinem Titel eigentlich das, was er letztendlich aussagt: „Es ist nie irgendetwas, das dich bewegt – es ist das Spiel, das runde Leder und es sind die 22 Männer, die darum kämpfen.“ Regisseur Declan Cassidy lässt seinen Protagonisten, einen obdachlosen Mann, darum auch nicht um das Kleingeld fürs nächste Essen betteln. Er sammelt für eine Fernbedienung. Die er schließlich kauft, um sich auf einem Fernseher, der in einem Schaufenster steht, eine Fußballübertragung anzusehen. Das ist in jeder Minute komisch und absurd zugleich. Und kommt der Erklärung der Faszination am nächsten, die ein eingefleischter Fußballfan einem „Nichtgläubigen“ wohl niemals hinreichend erläutern kann.

Fußballfilme können aber auch anders. Eine groteske Szenerie eröffnet sich in Paolo Zuccas „L´arbitro“ (The Referee). Ein glückloser Schiedsrichter muss ein Spiel in einem abgelegenen Dorf in Sardinien pfeifen, seine letzte Station vor dem beruflichen Aus. Alles wirkt mysteriös in diesem Spiel: Vor dem Anpfiff wird ein Lamm getötet, das später gekreuzigt in der Zuschauermenge auftaucht. Fans halten drohend Schrotflinten in den Händen. Die beiden Mannschaften tragen einen Kampf aus, der mehr einer todbringenden Fehde als einem Fußballspiel gleicht. Der Sieger ist schließlich der Schiedsrichter. Er schießt unbeabsichtigt das entscheidende Tor und wird so zum Helden. Religiöse Leidenschaft, Passion, Aberglauben, Selbstverwirklichung – Fußball ist eine Religion, mag man beim Anblick der Bilder denken. Und sie äußert sich mehr im Glauben an die Sache, als im rationalen Verhalten. „L´arbitro“ lässt den Zuschauer ratlos zurück. Hat man die Bilder verstanden? Was war der Sinn? Der Film bleibt die Antwort schuldig, ist aber ein herrlich schwarzhumoriger Spaß.

Die österreichische Produktion „Balls“ beleuchtet die Liebe zum Ball von einer eher ungewohnten Seite. Kann ein Ball, hier ein großer roter aus Gummi, eine sexuelle Anziehungskraft besitzen? Er kann, sagt zumindest Regisseur Stefan Wolner, und lässt seinen Protagonisten all das erleben, was sich sonst unter dem Begriff „Geschlechtsverkehr“ summiert. Das ist albern, wenig originell, schützt aber zumindest vor Geschlechtskrankheiten. „The Refugee City“ des polnischen Regisseurs Wojciech Kasperski zeigt in bedrohlichen Bildern, wie nah beieinander im Fußball Leidenschaft und Fanatismus liegen. Akteur seines Films ist ein Hooligan aus Lodz, der sich in seiner Begeisterung für seine Mannschaft in einen Rausch steigert und deren Verbleib in der ersten Liga mit Gewalt erzwingen will. Kasperski greift auf Motive des Film Noir zurück und schildert seine Geschichte in drastischen und überzeugenden Bildern. Der Zweiminüter „Fußball“ sollte wohl ein wenig die angestaute Spannung aus dem Programm nehmen, ein retardierendes Moment. Ein Ball der rollt, und rollt und rollt ist wenig metaphysisch, aber umso meditativer. Alles richtig gemacht.

Das Ende des Abends läutete „Temporada 92-93“ ein. Alejandro Marzoas Kömodie zeigt zwei Freunde, die einem Spiel am Radio lauschen. Es ist das letzte einer schlechten Saison und auch das scheint fast verloren. Als einer der beiden in einem unbedachten Moment zugibt, auf die gegnerische Mannschaft gewettet zu haben, entbrennt ein Streit um Ehre und Treue. Zählt der Rückhalt für die Mannschaft, oder das Los, das einen hohen Gewinn verspricht? Die Freunde werden zu Gegnern, die auf ihren Standpunkten verharren und sogar so weit gehen, das Auto des anderen zu demolieren. Marzoas Film macht Spaß, denn er präsentiert eine Seite des Fußballs, die so offenkundig ist, dass man sie nur selten wahrnimmt: Er ist im besten Sinne kapriziös. Oder, um es mit einem Sprichwort zu beschreiben: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“ Eben lodert die Wut in den Augen der Freunde, im nächsten Moment – die Mannschaft gewinnt überraschend – liegen sie sich in den Armen. Fußball kann so schön sein. Gewinner des Abends, nach Stimmzettelauszählung, war „Whatever Turns You On“.

Martin Daßinnies

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Trailer des Gewinners: „Whatever Turns You On“