Festivalbericht Pornfilmfestival 2011

Gerammeltes Kino


Aktionskunst im Foyer

Aktionskunst im Foyer

Eine andere Perspektive auf queeren Alltag zeigen die voyeuristischen Portraits von Travis Mathews. Aufmerksamen Beobachtern der Entwicklung schwuler Pornografie dürfte der Regisseur aus San Francisco bereits ein Begriff sein. Mit seiner Reihe „In their room“ ist Mathews seit einiger Zeit in Schlafzimmern auf der ganzen Welt unterwegs, um intime Momente junger Männer einzufangen. Auf stilistisch hohem Niveau entstehen so Miniatur-Studien, jedes Zimmer scheint wie ein heimlicher Blick durchs Schlüsselloch, ein Zusammenschnitt verschiedener Charaktere, die lediglich durch ihre sexuelle Neigung und den jeweiligen Drehort verbunden sind. So sieht man in der gezeigten Berlin-Ausgabe ein schwules Paar, das über Liebesäpfel und Weihnachtsmärkte debattiert, dabei immer wieder in Kuschel-Wogen verfällt und gelegentlich in Pornofilmen mitwirkt, sowie zerbrechliche Boys mit Hang zu feministischer Filmtheorie, Bindungsängsten und auf der Suche nach Zärtlichkeit. Generell ist die Dokumentarfilmsektion des Festivals vielleicht der hervorstechendste Programmteil: Filme wie „Orchids: My Intersex Adventure“ (Phoebe Hart), „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ (Rosa von Praunheim) oder „Çürük – The Pink Report“ (Ulrike Böhnisch) greifen nicht nur tabuisierte Themen auf. Sie sind auch mutiger, direkter als so manch oberflächliche Schön-Wetter-Doku und in ihrer Eindringlichkeit absolut empfehlenswert.

Der liebenswerteste Film aber kommt aus Kanada. In einem leicht verstörenden Trailer (Trailer einfügen) eröffnet „Run, run, it’s him“ (Matthew Pollack) die trostlos inszenierte Welt des männlichen Mittzwanzigers Matthew: Mitgliedschaften in vier Adult Entertainment-Videotheken, verstohlenes Streifen mit schwarzen Plastiktütchen, das Ganze unterlegt mit psychedelischer Musik, gefilmt in pixeligen Bildern und verwaschenen Farben. Der Trailer lockt jedoch auf eine falsche Fährte – Matthew Pollack wandelt sich schnell vom schmierigen Typen zum einnehmenden Erzähler, der nicht weiß, wie man Frauen ins Bett kriegt und seine Komplexe mit einer überdimensionalen Tape-Sammlung zu kaschieren versucht. Er trifft weibliche Bekanntschaften aus seiner Vergangenheit, um nachträgliche Bewertungen zu erhalten, zeigt Freundinnen einige seiner liebsten Sexszenen und fragt sie nach ihrer Meinung, spricht mit seiner Familie und offenbart sein altes Kassetten-Versteck (unter dem Wohnzimmersofa) zu High-School-Zeiten und macht letztendlich eine Liebeserklärung vor laufender Kamera. „Run, run, it’s him“ ist ein absurder, komischer, echter und berührender Film, der einzig und allein von Pollack, seinen Schamgefühlen und dem ungewöhnlichen Umgang mit diesen lebt. Nach dem Screening steht er dann vor der Leinwand, möchte Fragen beantworten und wirkt genauso unbeholfen, irgendwie neben der Spur, wie noch wenige Minuten zuvor als Hauptdarsteller seines eigenen Films. Später trifft man ihn vorm Moviemento und sieht, wie er DVDs an Zuschauer verschenkt, deren Fragen ihm besonders gefallen haben. Eine kurze Geste, ein schüchternes Lächeln und schon pustet er wieder, ganz in sich versunken, Zigarettenrauch in den grauen Kreuzberger Himmel.

Raucherpause vor dem Kino

Raucherpause vor dem Kino

Leider verlieren die fiktionalen Filme, die eigentlichen Pornos, neben den Dokumentationen. Vielleicht liegt es an der Erkenntnis, dass Dinge, die eigentlich für den Privatgebrauch bestimmt sind, ihre Wirkung in der Öffentlichkeit verlieren. Pollack beispielsweise fasst das Dilemma treffend zusammen: „When I look at some porn, I want to jerk off. Watching it with others, I feel panic or indisposition , because I just can’t.“ Gefangen in engen Sitzreihen, verliert das Explizite zwar schnell seine Peinlichkeit, verwandelt sich dafür aber in Komik oder Amusement und geht völlig an der ursprünglichen Intention vorbei. Da kommt ein Film wie „Vacation!“ (Zach Clark) (Trailer) gerade recht, der die ein oder andere Knutsch-Szene enthält, tatsächlich aber eine poppige Klischeesammlung voller Stereotype, alberner Situationen, Plastik, Gold und Pastell ist. Der hervorragende Soundtrack von Glass Candy und Fritz Myers leistet sein Übriges und lässt „Vacation!“ zwischen Olivia-Newton-John-Clip und Thriller-Elementen pendeln.

Unfreiwillig komisch wirkt dagegen der als „hochklassig“ angepriesene Edel-Porno „Til Sex Do Us Part“ (Roberto Valtuena) aus Spanien, in welchem eine verwirrte Pornodarstellerin auf den gestählten Künstler Victor trifft und mit ihm erotische Fotosessions auf Ledersofas erlebt. Dann lieber schnell ins Ficken 3000, Festivallounge, mit Gay-Porn-Visualisierung aus jedem Fernsehgerät. Der Abschlussfilm „The Orgasm Diaries“ (Ashley Horner) am Sonntagabend entpuppt sich leider ebenfalls als flacher Spielfilm mit süßen Sexszenen zweier Frischverliebter, schlechten Schauspielern, merkwürdigem Plot, aber malerischen Landschaftsaufnahmen. Möglicherweise ist die Stimmung auch dem Marathon der vergangenen Stunden geschuldet: Nach fünf Tagen Pornfilmfestival möchte man eigentlich nichts mehr sehen. Keine Nippel, kein Hintern, kein Sperma. Nach fünf Tagen Pornfilmfestival ist man dankbar – für Inspiration, großartige Dokumentationen und Portraits, waghalsig gefilmte Close-Ups, halbnackte Moviemento-Mitarbeiter, schrulliges Publikum – und den letzten Festivalfilm. Noch ein Bier im Ficken 3000. Tut gut.

Text: Carolin Weidner, Fotos: Jekaterina Petrova

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