Erwa: Sexszenen authentisch erzählen


"Die Mitte der Welt"-Regisseur Jakob M. Erwa. Foto: Universum

„Die Mitte der Welt“-Regisseur Jakob M. Erwa. Foto: Universum

Im Interview zu „Die Mitte der Welt“ berichtet Regisseur Jakob M. Erwa über die sich verändernde Wahrnehmung von Homosexualität und stellt einen Vergleich zwischen Deutschland und dem homophoben Russland her. Erwa erklärt, warum ihm der Sex im Film wichtig war und wie seine jungen Schauspieler damit umgingen.

Eine große Stärke von „Die Mitte der Welt“ ist, dass er Coming-Of-Age-Film ist, aber kein Coming-Out-Film. „Die Mitte der Welt“ traut sich, nicht erzählen zu müssen, warum nun der eine schwul oder der andere bisexuell ist…
Jakob M. Erwa:
Die Mitte der Welt“ begegnet dem Thema Homosexualität nicht wie in den 80ern oder 90ern, wo es verstärkt um den Umgang mit dem Problem „schwul“ ging. Ich spreche keinem Coming-Out-Film seine Berechtigung ab, im Gegenteil, ich sehe mir die persönlich auch gerne an, aber es ist an der Zeit, dass es auch vermehrt Filme mit schwulen Protagonisten in die Kinos kommen, in denen das Schwulsein nicht Hauptthema sprich das Problem ist. Bei uns geht es um Dinge und Gefühle, die jede und jeder kennt: um Freundschaft, um Liebe, um das verrückte jugendliche Verliebtsein und um’s Erwachsenwerden. Den letzten Sommer einer Jugend, in dem einiges zerbricht, sich aber gleichzeitig vieles öffnet.

Zentrale Rolle in der Konstruktion der Familie nimmt die fast klischeehaft liberale Mutter ein. Ist genau diese Liberalität, die sie vorlebt vielleicht sogar überfordernd für junge Menschen?
Die Mutter „Glass“ versucht, für ihre Kinder so offen, frei und unangepasst wie möglich zu sein. Diese zu selbst denkenden, eigenverantwortlich handelnden Menschen zu erziehen, ihnen keine Verbote aufzuerlegen. Gleichzeitig brauchen Kinder Grenzen und etwas, an dem sie sich orientieren, brauchen Stabilität. Man kann nicht immer alles richtig machen. Entscheidest du dich für etwas, entscheidest du dich gleichzeitig gegen etwas anderes. Jedes Verbot hat schlimme Auswirkungen, aber auch jede Freiheit hat Auswirkungen, mit denen man erstmal klarkommen muss und das muss Phil erstmal lernen.

Weiterlesen: Unsere Kritik „In der Mitte ein blinder Fleck“ zu „Die Mitte der Welt„…

An der Mutterfigur Glass, die eine etwas zu spät geborene 68erin ist, ist das Besondere sicher auch deren Egoismus, der Teil dieser Generation war. Mit dem muss die Welt um sie herum klarkommen. Im Film lebt sie im harten Kontrast des Dorflebens. Würde sie in der Großstadt ebenso auffallen?
In Berlin wahrscheinlich nicht so sehr, da könnte ich mir das vorstellen. Aber im Dorf ist das eine andere Nummer und ihr Unangepasstsein eine andere Welt. Da leben „Kleine Menschen“, wie Andreas Steinhöfel sie in seinem Buch nennt, mit ihrem kleinkarierten Denken und dem Haus mit Garten. Glass und ihre Familie fallen da raus.

Wie war das Arbeiten an und mit dieser Bestseller-Vorlage?
Das Buch hat 460 Seiten, das wäre ein vier Stunden Film geworden. Es gibt immer den Punkt, an dem du Streichen musst. Bei einer Romanverfilmung gibt es immer enttäuschte Leute, weil du ihren Film, den sie in ihrem Kopf gesponnen haben, während sie das Buch lesen, kaputt machst. Ich konnte nur den Film machen, den ich gespürt habe. Eigentlich ist das ein Fanfilm. Mir war schnell klar, was und welche Figuren ich streichen kann. Figuren, die vielleicht in anderen Filmen ihren Platz finden. Meine zentrale Figur ist Phil und sein Konfrontieren-lernen; auf der einen Seite die Familie mit diesem düsteren Geheimnis, auf der anderen seine Liebesgeschichte.
Wichtig ist zu verstehen, dass Literatur und Film zwei unterschiedliche Kunstarten sind. Ich hoffe, dass die Zuschauer ins Kino gehen und wissen, das ist meine Sicht. Der Film ersetzt nicht den Roman und umgekehrt. Es soll beides geben, gleichberechtigt.

Ästhetik ist Ihnen offensichtlich wichtig. Der Film ist sehr sinnlich, als Zuschauer möchte man den Film gerne berühren…
Das ist ein schönes Bild. Das Wort sinnlich war neben dem Wort leidenschaftlich immer da, wenn mein Produzent und ich über die Körperlichkeit und die Sexszenen gesprochen haben. Er hat mich immer ermutigt, Sexszenen authentisch zu erzählen. Er wollte wie ich, dass wir nicht wegschneiden. Jugendlich sein ist Sex, ist Leidenschaft, ist Berührung. Diese Körperlichkeit musste man in den Bildern spüren. Das geht so weit, dass wir im Maskenbild nur wenig Schminke verwendeten. Wir wollten ungefiltert mit der Kamera zeigen, wenn etwa die Haut leicht errötet, wenn sie berührt wird. Wir wollten nah an den Figuren dran sein und die Nähe spüren.

Wie anspruchsvoll war das für die jungen Schauspieler, diese Nähe zu drehen?
Das kam für die nicht überraschend, sondern war Teil im Castingprozess. Es war immer klar, dass es um Nacktheit geht. Für junge Schauspieler ist das ein Riesending. Das ist eine Entscheidung, die getroffen werden muss. Die drei haben eine Professionalität zu sagen, wenn es der Wunsch des Regisseurs ist, leidenschaftliche Sexszenen authentisch zu zeigen, ohne Wegzuschneiden, tragen wir das mit. Jeder Schauspieler und jede Schauspielerin wird das mitmachen, wenn du es ihnen erklärst.

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13. November 2016 | In Allgemein

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