Filmtipps zum Berlinale Summer Special 2021


BERLINALE SERIES

PHILLY D.A.

PHILLY DA © Yoni Brook

Darum geht es:
„You gotta talk like you’re the D.A. already; not how activists beat the institutions because you are the institution now.“* Es ist nicht ganz klar, wer da spricht, denn die gedämpfte Stimme dringt durch eine halb verschlossene Tür; wem die Worte gelten, ist dahingegen klar. Es ist der Abend des 7. November 2017 und Larry Krasner ist soeben zum District Attorney von Philadelphia gewählt worden. Krasner hat als Strafverteidiger und Aktivist jahrzehntelang gegen das Justizsystem der USA gekämpft, sich für Black Lives Matter und Occupy Philadelphia – einen Ableger von Occupy Wall Street – eingesetzt. Als Bezirksstaatsanwalt setzt der District Attorney die Gesetze eines Bundesstaates auf lokaler Ebene durch. Krasner ist nun also Teil des Establishments. Zusammen mit seinem Team will er das Rechtssystem von innen verändern. Die achtteilige Doku-Serie begleitet Krasner und sein Team durch die erste Amtszeit, hält zähe Meetings und schockierende Enthüllungen fest, lässt Unterstützer*innen und Kritiker*innen zu Wort kommen. Damit liefert sie nicht nur intensive Einblicke in das amerikanische Rechtssystem, sonder dokumentiert auch die ganz realen Hürden politischer Veränderung.

Was ihr über den Film wissen müsst:
Die USA haben pro Kopf die höchste Inhaftierungsrate der Welt. Von dieser Masseninhaftierung sind überdurchschnittlich viele People of Colour, allem voran Schwarze und hispanische Männer, betroffen. Bürgerrechtsorganisationen oder Dokumentationen wie 13TH (Ava DuVernay, USA 2016) weisen zurecht darauf hin, dass das amerikanische Justizsystem ein trauriges Paradebeispiel für institutionalisierten Rassismus ist. In Philadelphia sind mehr Menschen inhaftiert als in jeder anderen Großstadt der USA. Larry Krasner übernimmt also ein Amt, das symbolisch für Ungerechtigkeiten steht, deren Wurzeln tief in die Gesellschaft reichen. Und genau das macht die Doku-Reihe so sehenswert. Sie fragt, was nach dem Wahlerfolg geschieht, was eine relativ kleine Gruppe von Menschen in wenigen Jahren überhaupt bewirken kann. Vor allem aber zeichnet sie das Bild einer komplett polarisierten Gesellschaft. Denn was wir als kriminell bezeichnen, worin wir die Ursachen von Kriminalität sehen und welche Strafen wir fordern, spiegelt unsere Vorstellung von Gesellschaft und wer an ihr teilhaben darf. Der Ton der Doku-Serie ist stellenweise recht reißerisch, doch die Fragen, die sie stellt, die Denkanstöße, die sie liefert und die Menschen, die sie porträtiert, machen sie mehr als nur sehenswert. PHILLY D.A. ist gerade im gegenwärtigen Diskurs um Rassismus in der Polizei ein Muss. Denn auch wenn das deutsche Justizsystem sich vom amerikanischen grundlegend unterscheidet, führen wir hier eine ähnliche Debatte um Rechtssprechung und soziale (Un-)Gerechtigkeit.

*Deutsch: „Du musst so reden, als wärst du schon der Staatsanwalt; nicht, wie Aktivisten die Institutionen besiegen, denn du bist jetzt die Institution.“

Termine beim Berlinale Summer Special 2021:
Donnerstag, 10. Juni 2021, 21:30 Uhr (erste zwei Folgen), ARTE Sommerkino Schloss Charlottenburg

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