Filmtipps zum Berlinale Summer Special 2021


PANORAMA

BROTHER’S KEEPER

BROTHER’S KEEPER © Türksoy Gölebey / Asteros Film

Darum geht es:
Ein abgelegenes Internat in den Bergen Anatoliens. Es ist tiefster Winter, die Schneedecke reicht bis zu den Knien und es herrschen eisigste Temperaturen. Der Ton in der Schule ist ähnlich frostig, die Regeln sind streng, die Überwachung lückenlos. Mit gesenktem Kopf und aus dem Augenwinkel beobachtet Yusuf (Samet Yıldız) wie sein Freund Memo (Nurullah Alaca) sich für den Rest der wöchentlichen Duschzeit mit eiskaltem Wasser waschen muss – als Strafe. Nach merkwürdigen Vorfällen in der Nacht ist Memo am nächsten Morgen krank, kann kaum aufstehen, geschweige denn am Unterricht teilnehmen. Auf der Suche nach Hilfe für seinen Freund begibt Yusuf sich auf eine Odyssee durch die Schulbürokratie.

Was ihr über den Film wissen müsst:
Das abgeschlossene Internat ist ein Mikrokosmos, gleichsam Prisma und Lupe, durch die der Film die türkische Gesellschaft betrachtet. Yusufs Suche offenbart neben der emotionalen Kälte des Internats auch dessen kafkaeske, autoritäre Hierarchien und spielt damit auf den Umgang mit der kurdischen Minderheit in der Türkei an. Gleichzeitig baut der Film eine Spannung auf, die an Kriminalfilme erinnert, denn bis zu Auflösung am Ende ist nicht klar, was Memo zugestoßen ist. Dazu mischen sich Elemente der Farce, Momente absurder Komik, die an Sketche von Buster Keaton erinnern. So zum Beispiel, wenn immer mehr Lehrer und schließlich der Schulleiter im Krankenzimmer auftauchen und jeder erst einmal auf dem glatten Boden vor der Tür ausrutscht. Der emotionalen Kälte des Internats setzt der Film die Freundschaft zwischen Yusuf und Memo entgegen. Obwohl Memo den größten Teil des Films bewusstlos ist und die Jungen kaum miteinander sprechen, ist ihre Freundschaft spürbar. Yusufs Fürsorge macht fast schmerzhaft deutlich, dass die Jungen zwar strengstens überwacht und reglementiert werden, aber gleichzeitig auch vollkommen auf sich allein gestellt sind. Ferit Karahans BROTHER’S KEEPER könnte in den 1970er-Jahren spielen, so altmodisch ist der Umgangston, nur die Handys verorten ihn fest in der Gegenwart. Der Sozialkritik des Films tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, sie ist dadurch nur umso gegenwärtiger. – TR

Termine beim Berlinale Summer Special 2021:
Sonntag, 13. Juni, 21.30 Uhr, Freiluftkino Kreuzberg
Dienstag, 15. Juni, 21.30 Uhr, Atelier Gardens Freiluftkino @ BUFA

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