Weibliche Perspektiven bei der 76. Berlinale

Perspektivwechsel – Einfach mal anderes sehen
Wenn eine Entwicklung auf der diesjährigen Berlinale unübersehbar war, dann die Selbstverständlichkeit, mit der weibliche Perspektiven die großen Leinwände dominierten. Egal ob Wettbewerb, Perspectives, Berlinale Special oder in den anderen Sektionen, selten bot sich so konsequent die Gelegenheit, den Lebenswirklichkeiten unterschiedlichster Frauen zu begegnen. Und damit meine ich gerade nicht die exaltierten, aus der Feder vieler Männerphantasien zusammengeschraubten, skurrilen Abbilder weiblicher „Heldinnen“, wie sie beispielsweise noch in Wettbewerbsbeiträgen wie HAPPY GO LUCKY (Regie: Mike Leigh), JULIA (Regie: Erick Zonka) und anderen Jahrgangsbeiträgen nervtötend anzutreffen waren. Mit einem Regisseurinnen-Anteil von über 40 % im Gesamtprogramm scheint sich unter Intendantin Tricia Tuttle seit ihrem Amtsantritt eine auch in ästhetischer und erzählerischer Hinsicht konsequente Neuausrichtung zu etablieren. Es sind nicht mehr nur die Helden-Biopics oder männliche Lebenswelten zu ‚entdecken‘, die seit Jahrhunderten ohnehin das Gros der Erzählungen bevölkern. Wie selbstverständlich stehen inzwischen diversere Lebenswelten im Fokus, ganz ohne zusätzlich ausgestellt spektakulär sein zu müssen. Und ‚die Frau‘, für die einst die etwas despektierliche Kategorie „Frauenfilm“ kreiert wurde, tritt in ihrer Existenz aus ihrem Nischendasein. Und sie tut es aktiv, witzig, selbstbestimmt, kreativ und oft unbeeindruckt von vorgeblichen Normen.
Schon der Eröffnungsfilm konnte in dieser Hinsicht als Auftakt mit Ansage verstanden werden. NO GOOD MEN (Regie: Shahrbanoo Sadat) erzählte von einer Frau, die alles dransetzt, als Kamerafrau vollwertig in den Newsbetrieb eingebunden zu werden. Sie ist laut, mutig, sichtbar, konfrontativ und lässt sich nur wenig einschüchtern von überholten patriarchischen Regeln. Sadat inszeniert ihre Filmheldin trotz aller Dramatik als humorvoll gestaltende Kraft ihres Lebens und toxischen Umfelds.

Einen eher historischen Ankerpunkt markierte dagegen Markus Schleinzer mit ROSE und ihrer Erzählung von einer Sehnsucht nach Freiheit und Sicherheit in den Hosen eines Mannes. Zehn Jahre hatte sie es geschafft (als Frau in Soldatenuniform!) im Dreißigjährigen Krieg zu überleben. Bären konnte sie erlegen, heilen, anderen das Lesen und Schreiben beibringen, einen verwahrlosten Hof wieder zur Blüte führen und doch blieb sie weniger wert als die, die nicht einmal ein Viertel ihrer Leistungen in ihren Leben je erbrachten. Dreimal, fünfmal, zehnmal schlauer, furchtloser, geschickter oder stärker konnte sie sein, und blieb dennoch in der archaischen Hierarchie ihrer Zeit gefangen. Sandra Hüller verkörperte dieses Unrecht so eindringlich, dass sie dafür den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung gewann.
Ganz ähnlich herausgefordert wurden auch die Zuschauer des Perspectives-Debüt-Beitrages 17 von Kosara Mitić. Im Zentrum des Filmes steht die 17-jährige Sara (Eva Kostić), die mit einer schieren Urkraft demonstriert, was Frauen an Belastungen zu tragen vermögen. Mitić inszeniert Saras Drama mit beklemmender körperlicher Intensität, was sie vor allem durch eine Kamera, die verstärkt auf Nahaufnahmen setzt, ohne voyeuristisch zu werden, sicherstellt. Eine Urgewalt von Film, die besonders im letzten Drittel des Filmes manchen Zuschauer besonders forderte. „Krass“ murmelte ein sichtlich mitgenommener Zuschauer nach dieser Tour de Force beim Verlassen des Saales – ein ganz treffendes Resümee für die atmosphärische Dichte dieses Debüts.

Im Kontrast zu diesen dokumentarischen ausgerichteten Ansätzen standen formal artifiziellere Filme wie FILIPIÑANA (Regie: Rafael Manuel) oder THE TESTAMENT OF ANN LEE (Regie: Mona Fastvold).
Manuels in Pastell getauchter Bilderzyklus hielt die Zuschauer dabei eher auf Distanz, mit der Absicht am Beispiel eines Golf Clubs die hegemonialen Verhältnisse einer (post)kolonialen Gesellschaft freizulegen. Ein subtiles Sittengemälde patriarchischer Ordnung, das äußerst subversiv Anklage gegen die bestehende Rangordnung erhob.
Fastvold dagegen inszeniert ihre Protagonistin umgeben von viel Licht, Musik und Tanz, in einem Musical. Ihre Titelheldin Ann Lee ist eine getriebene, die schon früh den Drang zur Verwirklichung ihrer Ideen verspürte und allen gesellschaftlichen Regeln und Widrigkeiten zum Trotz diese auch umsetzt.
Es sind zähe und unglaublich widerstandsfähige Charaktere, denen das Berlinale Publikum im 76. Jahr der Filmfestspiele begegnen durfte. Und die Liste ließe sich weiter fortsetzen: À VOIX BASSE (Regie: Leyla Bouzid), JOSEPHINE (Regie: Beth de Auaújo), TAKE ME HOME (Regie: Liz Sargent), LADY (Regie: Olive Nwosu) oder auch THE MOMENT (Regie: Aidan Zamiri) und so weiter.
Wie wunderbar, plötzlich waren sie da, all diese Protagonistinnen mit ihren Geschichten, ihrer Kraft, ihrer Wut, ihrem Schmerz, ihrer Wucht, ihren Herausforderungen und ihrem Alltag. Nicht mehr nur schmückendes Beiwerk, angebetete Göttin, nur halbwertig, weil ohne Mann, oder Seelenklempnerin einer brüchigen Männlichkeit, sondern ein ganzer Mensch. Fast nebenbei einfach integriert, ohne ‚das ganze Frauengedöns‘ zum Thema oder gar Label zu machen. Lediglich der Programmtag „Furchtlose Frauen“ verwies auf eine feminine Ausrichtung mancher Filmbeiträge. Verächtliches Raunen über die gezeigten Lebenswelten, wie man sie aus früheren Jahren kannten, blieben diesmal aus. Im Gegenteil: Anteilnahme und Mitgefühl waren oft die Reaktionen, mit denen diesen Welten begegnet wurde. Vielleicht ist das kein Zufall in einem Kinojahr, das sich besonders auch durch starke Vater-Tochter-Plots hervorgetan hat und dem einen oder anderen nun sogar die Oscars winken.
Auf die Vielfalt, das Miteinander und die Magie des Kinos.