MARTY SUPREME von Josh Safdie

Timothée Chalamet (Marty Mauser) © Tobis Film
EVERYBODY WANTS TO RULE THE WORLD
Mit MARTY SUPREME kommt dieser Tage der letzte große Oscarkandidat in die Kinos. Er ist der erste Film aus dem Hause Safdie, dem diese Ehre zuteilwird. Für das produzierende Studio A24 ist das mit einem geschätzten Budget von ca. 65 Millionen $ das bislang teuerste Unternehmen. An den Kinokassen ist das Tischtennis-Drama ein großer Erfolg und zumindest eine seiner neun Oscarnominierungen dürfte sich Mitte März in einen tatsächlich gewonnenen Preis verwandeln.
New York, Anfang der 1950er Jahre: im Mittelpunkt des Films steht Marty Mauser (Timothée Chalamet), ein bei seinen Kundinnen sehr beliebter Schuhverkäufer, der seinen Job am liebsten sofort hinschmeißen würde, um seinem wahren Talent zu folgen – der einen Sache, die Marty Mauser richtig gut kann. Und das ist Tischtennisspielen. An der Platte bewegt sich der leicht verpickelte junge Mann wie ein junger Gott. Keiner seiner Gegner in New York kann ihm auch nur ansatzweise das Wasser reichen. Auch bei nationalen Turnieren räumt Marty alles ab. Nun strebt er die Weltmeisterschaft an, als er in dem nach einer Explosion im Krieg gehörlosen Japaner Koto (Koto Kawaguchi) seinen Meister findet.
Bei einem Turnier, dessen Sieg und vor allem das damit verbundene Preisgeld Marty schon fest für seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Japan eingeplant hat, wird er von dem schweigsamen Koto regelrecht auseinandergenommen. Ebenso stoisch wie flink pariert Koto und lässt Marty nicht den Hauch einer Chance. Der empörte Amerikaner wird das später auf den neuartigen Schläger des Japaners schieben. Marty muss jetzt unbedingt zur Weltmeisterschaft reisen, um Revanche zu üben und die Verhältnisse wieder in seinem Sinne zurecht zu biegen. Dumm nur, dass er sich dabei selbst am meisten im Wege steht.
Denn so charismatisch und talentiert Marty Mauser auch sein mag, er ist auch mit einem überlebensgroßen Ego ausgestattet, was ihn immer wieder in unmögliche Situationen bringt, aus denen er sich dann mehr schlecht als recht heraus manövrieren muss. Marty ist durchaus ein smarter Typ. Flink im Denken, aber oft ohne das rechte Gespür für die Konsequenzen seines Handelns. Er stößt Leute vor den Kopf, beleidigt, betrügt und bestiehlt – immer hat er nur den eigenen Vorteil im Sinne. „Dream big!“ ist sein Motto. Er ist so sehr von sich überzeugt, dass er aus rein sportlichem Interesse den 1930er Jahre Hollywoodstar Kay Stone (Gwyneth Paltrow) anbaggert und nach einem ersten Erfolg deren schwerreichen Gatten Milton Rockwell (Kevin O’Leary) düpiert. Rockwell wird Marty später genüsslich eine Lektion erteilen.
In der Zwischenzeit zieht Marty mit seinem Kumpel, dem Taxifahrer Wally (ein famoser Auftritt des Rappers Tyler, The Creator), in einer Spielhalle ein paar Großmäuler ab, versucht den reichen Vater eines anderen Bekannten von der Produktion orangefarbener „Marty Mauser“-Pingpongbälle zu überzeugen und verliert den Hund des alten Ezra (Indie-Regielegende Abel Ferrara), nicht ahnend, dass der Greis eine gefährliche Unterweltgröße ist. Als Marty Ezra einen anderen Hund andrehen will, versteht der keinen Spaß – mit blutigen Folgen.
Als Marty von seiner Jugendliebe Rachel (eine Offenbarung: Odessa A’Zion) auch noch erfährt, dass sie von ihm schwanger ist, passt das freilich nicht in Martys Pläne, weshalb er seine Vaterschaft erstmal verleugnet. Das alles ist nur ein kleiner Ausschnitt, der in rasanter Folge auf Marty einprasselnden Ereignisse. Immer weiter verstrickt er sich in Unpässlichkeiten, ohne sein großes Ziel, irgendwie nach Japan zu kommen, aus den Augen zu verlieren. Als es ihm schließlich zum Preis einer Demütigung gelingt, erwartet ihn dort eine Erfahrung, die sein Leben verändert und seinen Charakter reifen lässt.
MARTY SUPREME ist das erste Solowerk des New Yorker Regisseurs Josh Safdie. Seine bisherigen Spielfilme, Kurzfilme, Musikvideos und Fernsehspecials entstanden immer in Partnerschaft mit seinem Bruder Benny. Bekannt wurden die beiden vor allem mit den Kleinkriminellen-Dramen GOOD TIME (2017) und UNCUT GEMS (2019), in denen sie den Hollywoodstars Robert Pattinson bzw. Adam Sandler die Gelegenheit gaben, sämtliche Kritiker mit herausragenden Leistungen zum Schweigen zu bringen. In diesem Jahr gingen die Safdies nun erstmals getrennte Wege. Während Benny den Actionstar Dwayne Johnson im Mixed Martial Arts-Drama THE SMASHING MACHINE mit zweifelhaftem Erfolg forderte, hat Josh mit MARTY SUPREME eine Punktlandung hingelegt.
Sein Film hat, wie GOOD TIME und UNCUT GEMS, einen unmöglichen Helden. Marty Mauser ist alles andere als sympathisch. Er ist ein arrogantes Großmaul, ein unverschämter Egozentriker, der sich selbst für schlauer als alle anderen hält und für den persönliche Grenzen nicht ins Gewicht fallen. Und doch schafft es Timothée Chalamet, das Publikum für diesen Kerl einzunehmen. Man fiebert mit ihm mit, ärgert (oder amüsiert) sich über seine Frechheiten und hofft, dass er am Ende seine Lektion lernen und irgendwie aus diesem Schlamassel herauskommen wird. Das gelingt auch, weil Josh Safdie seine Geschichte in gewohnt atemlosen Tempo erzählt. Die 2,5 Stunden Laufzeit vergehen wie im Fluge.
Safdie und sein kongenialer Co-Autor Ronald Bronstein, der auch schon an GOOD TIME und UNCUT GEMS mitschrieb, schicken ihren Helden auf einen scheinbar unaufhaltsamen Abwärtstrip. Beide haben den Film auch produziert und geschnitten. Für das passende Zeitkolorit zeichnen Jack Fisk (Production Design) und Darius Khondji (Kamera) verantwortlich. Ein besonderer Clou aber ist die anachronistische Filmmusik von Daniel Lopatin, den Clubgängern eher unter dem Pseudonym Oneothrix Point Never kennen. Lopatin hat alle Filme Safdies musikalisch untermalt. Sein exzellenter Synthi-Score orientiert sich am Sound der großen amerikanischen Sport-Dramen der 1980er Jahre und auch die brillanten Needle Drops entstammen jenem Jahrzehnt.
Die größte Aufmerksamkeit dürfte MARTY SUPREME aber durch seinen Hauptdarsteller zuteilwerden. Timothée Chalamet trägt diesen Film und wird dabei von einem erstklassigen Cast aus Schauspielern, Musikern, Szenegrößen und No Names unterstützt. Die junge Odessa A’Zion und Gwyneth Paltrow, die hier nach sechs Jahren Kino-Pause ein überraschend starkes Comeback feiert, hätten beide zumindest eine Oscarnominierung verdient. Doch Chalamet ist das Gesicht dieses Films und er liefert die beste Performance seiner immer noch recht jungen Karriere. In wenigen Tagen könnte er dafür seinen ersten Oscar gewinnen. Auch weil der Film seinem Helden ein letztes Filmbild gönnt, das unter die Haut geht und Marty Mauser von einer Seite zeigt, die wir von ihm kaum noch erwartet hätten.
Oscarnominierungen: Bester Film, Regie, Original Drehbuch, Hauptdarsteller, Casting, Kamera, Schnitt, Production Design, Kostüme
MARTY SUPREME , Regie: Josh Safdie, Darsteller_innen: Timothée Chalamet, Odessa A’Zion, Gwyneth Paltrow, Kevin O’Leary, Tyler The Creator, Geza Röhrig, Luke Manley, Fran Drescher, Koto Kawaguchi, Abel Ferrara, Sandra Bernhard, Larry „Ratso“ Slogan u.v.a.
MARTY SUPREME läuft seit 26. Februar im Kino.