Die kleine und die große Politik: das 22. achtung berlin Filmfestival

Lange Eröffnungsreden, charmante Moderationsschnitzer und viel Improvisation an verschiedenen Ecken und Enden? Obwohl sich das achtung berlin über 20 Jahre genauso und mit diesem Faible für Improvisation in die Herzen und Vierecksäuglein der Berliner*innen gewurschtelt hat, ist das spätestens seit 2025 eher so polaroid-Festivalgeschichte.
Dafür herrscht inzwischen zu viel Professionalität – achtung berlin, das vom 15. bis 22.4. über die Bühne geht, ist jetzt im besten Sinne ein gestandenes Festival mit gewohntem Berlin-Bezug (Regie, Produktion oder Thema müssen diesen nach wie vor vorweisen). Die letztjährige Eröffnungszeremonie gabs schon mal mit Wumms und Schmackes, die Branchentage etablieren sich, und das Niveau der gezeigten Filme sowie die oft internationalen Ko-Produktionen nehmen stetig zu. Sogar der Auftakt ist in diesem Jahr so international, wie kaum zuvor: MAMBO MATERNICA eröffnet dieses Jahr als Deutschlandpremiere das Festival, eine ungarisch-französisch-deutsche Koproduktion; gar englisch untertitelt. Borbála Nagys Film widmet sich drei unterschiedlichen weiblichen Lebensentwürfen um die 40, von der Single-Mutterschaft bis zur Adoption.
MAMBO MATERNICA konkurriert mit zehn anderen Langfilm-Produktionen – mit MAMBO MATERNICA und ALS WIR UNS NOCH ÖFTER GESEHEN HABEN von William Wrubel als Deutschlandpremieren – um die mit 20.000 Euro dotierten new berlin film awards. Ein Jahrgang, in dem weiblich gelesene Protagonistinnen stark hervorstechen. Unter den gezeigten Filmen findet sich beispielsweise Julia Roeslers LUISA über seine gleichnamige Protagonistin, die in einer Behindertenwohngruppe lebt und ungewollt, und vermutlich durch Missbrauch, schwanger wird.
Von der eigenen Haustürschwelle bis zum großen Weltkonflikt politisch: Der Dokumentarfilmwettbewerb, der ebenfalls elf Filme umfasst, kann neben der Deutschlandpremiere von Raaed Al Kours TASTE OF SALT über Geflüchtete und ihre schmerzhaften Mittelmeer-Überquerungen auch mit zwei Weltpremieren aufwarten: CITIES OF GHOSTS AND ANGELS von Katarina Schröter lässt die Protagonist*innen in Rollen schlüpfen, die sie immer schon mal innehaben wollten, und SCHWARZE HÄUSER von Katrin Sikora erzählt von den Kurheimen und Verschickungskindern der Nachkriegs-BRD. Hinzu kommen der Mittellange und der Kurzfilm-Wettbewerb, mit 38 Filmen, 19 Weltpremieren darunter, sowie die Sektionen Berlin Spotlights, Berlin Spezial und Berlin Series, in deren Rahmen auch die Serie SCHWARZE SCHAFE nach dem gleichnamigen Kultfilm gezeigt wird.
Die Retrospektive “Der Nachhall der Baseballschlägerjahre” blickt – nicht nur aufgrund der Landtagswahlen relevant – auf die 90er und damit auch den Rechtsradikalismus, der sich seitdem den Weg in die Mitte der Gesellschaft bahnt. Hier trifft Thomas Heises STAU auf Roland Steiners UNSERE KINDER, der 1989 auf die Kinder und Jugendliche blickt, die in vielen DDR-Narrativen nicht vorkamen – Skinheads, Punks und Grufties. Zusammengestellt wurde das Programm aus Spiel- und Dokumentarfilmen von der Filmemacherin und Kuratorin Ina Borrmann; zu sehen ist die Retro im Lichtblick Kino.
Marie Ketzscher
Hier sind unsere Empfehlungen aus dem Programm:
BABYSTAR

Darum geht es:
Gefakte Realität ist in den sozialen Medien gang und gäbe. So auch für die 16-jährige Luca (Maja Bons), die seit ihrer Geburt der Star auf den YouTube- und Instagram-Kanälen ihrer Influencer-Eltern Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald) ist. Unter dem Namen „Our Bright Life“ präsentieren diese dort eine scheinbar perfekte Familienidylle – lukrative Brand Deals inklusive. Doch wenn die Kamera von Beginn an zu düsteren Drone-Klängen durch deren riesiges Musterhaus fährt, kündigen sich bereits die ersten Schattenseiten hinter der perfekten Oberfläche an. Denn Luca wird von ihren Erziehungsberechtigten im Fokus der Öffentlichkeit komplett entmündigt. Als ihre Eltern sich entschließen, noch einmal Nachwuchs zu bekommen, machen sie Lucas anfängliche Skepsis gegen deren Willen zum Thema in ihrem Podcast. Luca setzt sich zur Wehr und konfrontiert das saubere Image mit Aktionen, die möglichst „edgy” rüberkommen sollen. Dahinter offenbaren sich jedoch ihre emotionale Leere und die Suche nach Identifikationsfiguren, die ihr zwischen Yoga-Sessions und Wellness am Pool verweigert wurden.
Was du zum Film wissen musst:
Der Diplomfilm des Regisseurs Joscha Bongard ist offensichtlich von dessen persönlichen Erfahrungen mit dem Social-Media-Business beeinflusst worden. Vor seinem Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg arbeitete er bei einer YouTube-Agentur in Köln. BABYSTAR zeigt die Auswirkungen des Internets auf Heranwachsende in einigen gelungenen Szenen: Wenn Luca in alten YouTube-Videos ihre eigene Kindheit und Jugend von den ersten Ultraschallbildern bis zur sexuellen Aufklärung im Familienpodcast Revue passieren lässt oder ihr neues KI-Avatar zu ihren Charaktereigenschaften befragt, verdeutlicht dies die Absurdität eines vermeintlich authentischen Lebens vor der Smartphonekamera. Ihre Eltern hatten vor rund 20 Jahren als Food- und Travel-Vlogger begonnen, bevor sie mit dem ersten Nachwuchs zum Family-Content gewechselt haben – mit dem die View-Zahlen plötzlich rasant anstiegen. Die Schauspieler*innen, die bisher vor allem im Fernsehbereich tätig waren, verkörpern die perfekt durchtrainierten Internet-Promis mit ihrer oberflächlichen Darstellungsweise wirklich passend. Man hätte sich stellenweise jedoch eine etwas tiefergehende thematische Auseinandersetzung jenseits der überspitzten Überzeichnungen gewünscht. – HK
Termine beim 22. achtung berlin:
Montag, 20.4.2026, 19:30 Uhr, Babylon 1
Dienstag, 21.4.2026, 21:15 Uhr, IL KINO
ACTIVE VOCABULARY

Darum geht es:
Die Sprache, und wie sie die Welt rabiat formt. Als eine russische Lehrerin mit ihrer Klasse in offenen Worten über den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine spricht, folgen Drangsalierung und Drohungen – bis sie aus ihrem Heimatland nach Deutschland flüchten muss. Yulia Lokshina lässt diese Erlebnisse ganz plastisch und aktuell werden, indem sie die Erinnerungen und Vorkommnisse mit einer Neuköllner Schulklasse re-enacted. Und reale Tonbandmitschnitte einfließen lässt. Zudem verknüpft sie Putins (Sprach)regime mit der schleichenden propagandistischen Expansion, auch innerhalb Russlands: Sie dokumentierte dort selbst, wie eigentlich protektierte Naturschutzgebiete für den Bau neuer Schulen, sprich neuen Indoktrinierungsgebäuden, mit nackter Gewalt und der Endlosressource Mensch gegen den Willen der Bevölkerung requiriert werden.
Was du zum Film wissen musst:
Yulia Lokshinas Film ist formal sehr streng und verbindet gekonnt auf den ersten Blick disparate Schauplätze zu einem schlüssigen Ganzen. Toll geschrieben und umgesetzt stellt Lokshina mit ACTIVE VOCABULARY eben nicht nur Putins Propaganda-Mittel bloß, sondern fragt auch, ab welchem Zeitpunkt in jeder Gesellschaftsform Zustände kippen, und Sprache dazu als Beschleuniger und Verschleierer dient. Für ihren Film erhielt Lokshina, die mit REGELN AM BAND, BEI HOHER GESCHWINDIGKEIT 2020 schon ein beachtliches Debüt hinlegte, die Goldene Taube bei der 68. DOK Leipzig. – MK
Termine bei 22. achtung berlin:
Montag, 20.4.2026, 18:30 Uhr, fsk Kino am Oranienplatz
Dienstag, 21.4.2026, 20:15 Uhr, Babylon 2
STAU – JETZT GEHTS LOS

Darum geht es:
Halle-Neustadt, kurz nach der Wende. Hier, im trostlosen Nix, wächst der Frust und mit ihm der Hass auf die Ausländer heran. In seinem Dokumentarfilm geht Thomas Heise ganz nah an die Baseballschläger-Jahre und dessen Neonazi-Protagonisten heran. Er hängt mit ihnen rum, zieht mit in die verwaisten Clubs, in die Wohnzimmer der überforderten, meist alleinerziehenden Mütter. Einer möchte Koch werden, das Ergebnis misslingt kläglich. Wie soll hier was werden?
Was du zum Film wissen musst:
Distanz, vor allem zum politisch suspekten Protagonisten? Die gibt es hier nicht. Für diesen dokumentarischen Ansatz in STAU wurde Thomas Heise schon zum Start des Films, dem ersten Teil der Neustadt-Trilogie, die Heise zwischen 1992 und 2007 drehte, stark kritisiert. Wenngleich aus seinen ungemein offenherzigen Fragen, die wir Zuschauer*innen mithören können, doch immer ersichtlich wird, dass sich Heise eben nicht mit seinen Protagonisten gemein macht, kritisch bleibt, sich ja eben doch distanziert. Was auch nach Ableben des großen Dokumentaristen bleibt: Der Eindruck, dass sich leider nicht viel verändert hat in den Köpfen, jetzt, wo die AFD droht, viele Landesparlamente als stärkste Kraft zu beziehen. Aber vielleicht auch die Einsicht, dass es sich mitnichten um ein Ostproblem handelt; auch westdeutscher Mittelstand und Thermomixe schützen vor Rechtsextremismus nicht. – MK
Termine beim 22. achtung berlin:
Montag, 20.4.2026, 21:00 Uhr, Lichtblick-Kino
Mittwoch, 22.4.2026, 22:00 Uhr, Babylon 3
THE IN-THE-HEAD-FILM

Darum geht es:
Gedankenwirrwarr, gefühlt auf Speed: In Konstantin von Sicharts Kopf rattert es unaufhörlich, die Ideen und Ereignisse fluten Sinn und Verstand, überlagern sich, verlieren Kongruenz und Bewandtnis. Und wir, wir sind einfach mittendrin.
Was du zum Film wissen musst:
Ich, ich, ich – und „Guck mal, ein Eichhörnchen“ – mit seinem Animationsfilm THE IN-THE-HEAD lässt uns Konstantin von Sichart an seinem Leben und Fühlen mit ADHS teilhaben, das megalomanische und narzisstische Züge trägt. Die Reizüberflutung können wir aber als mediensaturierte Menschen nachfühlen, ebenso wie die daraus resultierende Depression. Von Sicharts kluger Umgang mit seinem Material, darunter mit künstlicher Intelligenz generierte Bilder, zwingt uns dabei in eine produktive Dauerüberforderung. Seine Weltpremiere feierte THE IN-THE-HEAD-Film bei der 68. DOK Leipzig. – MK
Der Film läuft zusammen mit DENKST DU AUCH, WAS ICH DENK, COUSENG, EIN ARM IST EIN ARM IST EIN ARM, ISHAQ, MOON UNIT und SINKFLUG im Kurzfilmprogramm 2.
Termine bei 22. achtung berlin:
Freitag, 17.4.2026, 17:00 Uhr, City Kino Wedding
Samstag, 18.4.2026, 22:15 Uhr, Babylon 2
Sonntag, 19.4.2026, 18:00 Uhr, Babylon 3
ALMA BLU

Darum geht es:
Einen Roadtrip in die ungeliebte Vergangenheit. Alma lässt ihre kriselnde, queere Beziehung in Berlin hinter sich (die sie aber immer wieder telefonisch heimsuchen wird), setzt sich ins Auto und fährt zur Hochzeit der Schwester im traditionellen italienischen Kleinstadtflair. Dabei lässt sie zusehends auch den Gedanken zu, dass sie trotz Machismo und zu eng definierter Rollenbilder die Herzlichkeit und Zugewandtheit selbst der Fremden im eigenen Heimatland ganz schön vermisst.
Was du zum Film wissen musst:
ALMA BLU ist ein kleiner, wärmender Low-Budget-Film von Alice Palchetti mit einer charismatisch-charmanten Protagonistin (Martina Cavazzana), der man gern beim Wachsen und Werden zuschaut. – MK
Termine beim 22. achtung berlin:
Freitag, 17.4.2026, 21:15 Uhr, City Kino Wedding
Samstag, 18.4.2026, 17:00 Uhr, IL KINO