33. ITFS: Lotte Reiniger und andere Möglichkeiten des Erinnerns

Eindrücke vom Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart 2026
„Reinigers Kurzfilm endet mit einem Kuss, der oft als frühester Männerkuss der Filmgeschichte bezeichnet wird.“ Say what?! Aber ja, genau so lautet eine Exponat-Tafel zu Lotte Reiniger und DER SCHEINTOTE CHINESE (1928/1929) in der aktuellen Kinemathek-Ausstellung Inventing Queer Cinema – und eröffnet damit einen vollkommen neuen Blick auf die viel besungene Pionierin, deren DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED als erster abendfüllender Animationsfilm 1926 uraufgeführt wurde.
Diese Kinemathek-Entdeckung (Reiniger schrieb sich übrigens auch mit zwei Frauen leidenschaftliche Liebesbriefe) knüpft nahtlos an die Erinnerungen und Eindrücke an, die beim 33. Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart gesammelt werden konnten. Das Festival, das vom 5. bis 10. Mai stattfand, und einmal mehr Internationale Wettbewerbe, Deutsche Animation und zahlreiche Sonderprogramme auffuhr, ehrte Lotte Reiniger nämlich mit einer Hommage. Herzstück der Huldigung war eine Vorführung einer viragierten Filmkopie von DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED**, mit der für den Film geschriebenen, begleitenden Musik von Wolfgang Zeller in einer Bearbeitung von Uwe Fink, live gespielt von SWR-Symphonieorchester-Musiker*innen.
Als filmmusikalisches und filmhistorisches Ereignis hatte der PRINZ ACHMED-Abend im Stuttgarter Gloria-Kino natürlich große Qualitäten, konnte man doch damit noch einmal erleben, wie eindrucksvoll Reiniger ihren Animationsfilm inszenierte, mit handwerklicher Finesse (von den filigranen Reiniger-Silhouetten bis zu den malerischen Backgrounds; außerdem ist DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED der erste Film, bei dem die Multiplan-Kamera-Technik verwendet wurde, die Räumlichkeit und Tiefe entstehen lässt) und dramaturgischer Furchtlosigkeit/Frechheit. Leider erschöpfte sich der diesjährige Festivalfokus auf den Scherenschnitt-Silhouettenfilm aber etwas in den gängigen Ausrufezeichen zu Reinigers Person (Pionierin! Frau! Abendfüllend!), die auch in der begleitenden Ausstellung auf jedem einzelnen Exponat zu sehen waren.

Dabei wäre doch ein bisschen Kontext in Form von Gesprächen, kritischen Einführungen oder Talks ganz erhellend gewesen. Ist es nicht beispielsweise aus heutiger Sicht interessant, dass Prinz Achmed und die dargestellte, arabischsprachige Welt als „edle Orientalen“ in ihrer Schönheit und Anmut geradezu glorifiziert werden, währenddessen die chinesischen und vor allem afrikanischen Charaktere mit entstellt-karikaturesken Zügen nurmehr zur herabschauenden Belustigung dienen? Bei aller unverständlichen, eurozentristischen Differenzierung, die Reiniger hier vornahm: Dass es sich hier um ein überholtes Weltbild handelte, übersetzte sich für das ITFS-Publikum auch so – an diesem Abend blieb jegliches Lachen aus, als der mächtige afrikanische Zauberer auf der Leinwand erschien. In Sachen Schaffensprozess hätte man zudem zeigen können, dass die Pionierin keine Schöpferin im luftleeren Raum war. Vielmehr wurde Reiniger stark von der indonesischen Wayang-Silhouette-Figurentheater-Tradition geprägt, auch sie arbeitete mit Papier und Blei. Solche Kontextualisierungen tun ihrer Kunst doch keinen Abbruch, im Gegenteil.
Geradezu irritierend war in diesem Zusammenhang das Programm „Silhouettes in Lotte’s Footsteps II“, das ziemlich beliebige Filme in Scherenschnitttechnik versammelte, darunter Reinigers DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN, drei DEFA-Produktionen sowie zwei aktuelle, digital erstelle Silhouettenfilme: Allesamt entweder Märchen, Parabeln oder anekdotische Annäherungen, die fürchterlich unlustig oder bestenfalls altbacken wirkten. In jedem Fall stellten sie alle keinerlei cineastischen Einladungen dar, sich in die Geschichte der Animationstechnik oder gar in aktuelle Silhouettenfilme zu vertiefen. Dabei gibt es doch auch Gegenwartskünstler*innen, deren Oeuvre Lust auf die Silhouette macht. Zum Beispiel Kara Walker, die die Technik für ihre Kunstwerke und Filme beispielsweise nutzt, um rassistische Lynchmorde in den USA zu thematisieren (PRINCE MCVEIGH AND THE TURNER BLASPHEMIES), und damit das subversive Potential der Technik ausschöpft, die mit ihrer Stilisierung ja geradezu zur Karikatur einlädt. Oder William Kentridge, der mit seiner SHADOW PROCESSION aus dem Jahr 1999 verschiedene Silhouette-Figuren in einer seiner Prozessionen versammelte – welche sich auch hinsichtlich seiner fortwährenden Beschäftigung mit dem südafrikanischen Apartheidsregime als Verhandlung von Geschichtswandel/Transformation/Kontinuität lesen lässt.

Der Silhouettenfilm war nicht der einzige Hommage-Aufhänger im diesjährigen ITFS-Programm, auch andere Künstler wurden geehrt. Darunter der im letzten Jahr verstorbene, und für seine satirisch-bissigen-nihilistischen Filme bekannte, englische Independent-Animationsfilmemacher Phil Mulloy. Die in Stuttgart gezeigten Werke hatte seine Lebenspartnerin, die Regisseurin Vera Neubauer, ausgewählt. Egal, ob bitterböses MTV-Commercial (unvorstellbar, dass solche Filme einmal als Auftragswerke entstehen konnten!) oder Kurzfilm: Mulloys großes, nihilistisches Thema blieb bis zuletzt der egomanische Trieb des Menschen (meist des Mannes) und das dadurch unausweichliche Todgeweihtsein jeglicher Gemeinschaft – sei es Beziehung, Familie, Gesellschaft, gar Zivilisation. In seinen Filmen ficken, fressen und metzeln sich alle irgendwann zu Grunde. Mit THE SOUND OF MUSIC (1993) lassen sich dabei bei aller zeitlosen Kapitalismuskritik beispielsweise herrliche Analogien zur Gegenwart und den dekadenten Auswüchsen der Bezos-Met-Gala mit ihren politisch-posenden Promis auf dem Roten Teppich ziehen – als den Köchen die Tiere ausgehen, servieren sie einfach das Servicepersonal. Das ist in der Konsequenz und stilistischen Einzigartigkeit – Mulloys analoge Filme zeichnet eine unglaubliche reduzierte, rabiate Kraft und Wut aus, die bisweilen an Jean Dubuffet in fies erinnert, Strichmännchen mit dämonischen Fratzen zumeist – durchaus beeindruckend, aber, in Vielzahl gesehen, vor allem ungemein deprimierend. Einzig in seinen letzten Film, ONCE UPON A TIME ON EARTH (2024), den Mulloy längst digital animierte, schleicht sich ein bisschen Hoffnung: Für die Kinder, die Nachkommen, lohnt es, sich zu bemühen – auch wenn man sie über die Lage der Welt ständig belügen muss und sie und sich am Ende doch nicht retten kann.

Gar nicht misanthropisch, aber dafür sehr einladend-melancholisch nahm sich dagegen das Hommage-Programm an Ülo Pikkov, „In Persona“, aus. Der estnische Regisseur ist gerade mal 50 und hat schon ca. 20 Kurzfilme realisiert, die oft hybrid gearbeitet sind und über einen hohen Stop-Motion-Anteil (Garn, Papier, Bücher, Fundstücke) verfügen. Was die von ihm selbst ausgewählten Filme auszeichnete, war vor allem das Nachdenken über Zeit und Verfall, oft mit dokumentarischen Anleihen. Besonders nachhallend: BODY MEMORY, ein Kurzfilm über die Vernichtungslager der Nazis, wie man ihn noch nicht gesehen hat: Im Mittelpunkt Garnfiguren, die, zunehmend in einzelne Fäden gerissen, hin und her geschleudert werden, um sich schlussendlich komplett aufzudröseln – je mehr sich der Zugwagon seinem Ziel nähert. Neben den Gleisen steht eine Leinwand mit einer Zeichenkonstruktion: Ein Stück Kohle an einem Ast verzeichnet wie ein Seismograf die Windbewegungen des Laubs, schraffiert eine Linie, eine Bewegung, eine Erinnerung, die die Landschaft an sich nicht als Wunde zeigen kann. Die kollektive Erinnerung wurde in diesem „In Persona“ ohnehin immer wieder die persönliche und vice versa: Im animierten Dokumentarfilm THE SEWING MACHINE sucht Pikkov in Pechory (Petseri) vor dem Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 nach der Nähmaschine, in deren Koffergehäuse seine Urgroßmutter den Vater als Baby aus der Stadt geschmuggelt hat. Und in THE TORTOISE AND THE HARE installiert er eine Kamera am Rückspiegel, und dokumentiert den Kampf seiner Mutter gegen den Krebs, zwischen den verschiedenen Stadien ihrer Krankheit hin- und herspringend. Eine große 3D-Schildkröte verfolgt das Auto und den Zuschauer*innen wird klar: Sie wird das Auto irgendwann überholen; die Zeit holt am Ende alle.

Die Sekunde, in der Pikkov mit einem kleinen Irritationsmoment wie eben der so fremd wirkenden 3D-Schildkröte das Medium Film mitreflektiert (meist durch einen Bruch mit der Animation oder Live-Action mit dem jeweils anderen Medium), bewahrt sie immer davor, in Sentimentalität abzudriften. Denn anrührend sind sie allesamt, am meisten vielleicht der filigrane TIL WE MEET AGAIN, der mit Strandgut – vor allem zerfranste Federn und Federkiele, Steine, Muscheln und blank gewaschene Holzstücke – animiert wurde.
Dass die subjektive Erinnerung eben auch die Brille auf die Welt ist und dass es ok ist, eine damit zusammenhängende, völlig überwältigende Emotion mit den Zuschauer*innen als Zeitreisekapsel zu teilen – das war auch ein wiederkehrendes Motiv im Internationalen Wettbewerb, beispielsweise in Matea Radics Goldene-Taube&Filmfest-Dresden-Gewinner PARADAÏZ. Mit eindrücklichen und originellen Bildern visualisiert Matea Radic ihr eigenes traumatisches Erleben des Bosnienkrieges und dessen verwirrendes Verwoben-Sein mit haptisch-sinnlichen Kindheitserinnerungen – dadaistische Šipad-Möbel-Reklame und bosnische Melodien inklusive (Zitat eigener DOK-Leipzig-Katalogtext).

Auch der große Gewinner des Festivals, der es schaffte, sowohl den Grand Prix als auch den Audience Award abzusahnen, wandelte auf biografischen Spuren mit Mut zum Gefühl: Kiana Nagshineh, in Stuttgart wohnende Filmakademie-Baden-Württemberg-Alumna, bearbeitet in IM AUTO TAPES UND BUTTERBROT die Krebserkrankung ihrer Tante, Tod und Trauer inklusive. Trost- und Heilsbringer ist das Weltall, dessen Unendlichkeit die Protagonistin Shari erst genau wie ihre Krankheit als große Überforderung empfindet, bis sie durch den russischen Weltraum-Hund Laika ihre Diagnose anzunehmen lernt, denn „Sterne zerfallen, neue entstehen. Du und ich, sind Teil davon.“ Gekonnt fängt Nagshineh die emotionale Achterbahnfahrt hin zur Akzeptanz mit Bildern ein, die poetisch fließen (Weltall) oder eher in den klaustrophobischen Räumen zu verharren scheinen (Realität), und sie lässt ernste Momente auf humorvolle treffen. Ihre grandiose Butterbrot-Oma und das Nagshineh-feiernde Publikum sind zwei der zahlreichen Stuttgart-Erinnerungen, die man gut mitnehmen und immer wieder hervorholen kann.
** viragiert: die ursprünglich in schwarz-weiß aufgenommenen Aufnahmen wurden nachträglich in Farbbäder getaucht.