Eindrücke vom ersten Viennale-Wochenende 2026


Aus der Familie raus.

Filmisch ging diese 64. Viennale (22.10.-3.11.) für mich ohne Gartenbaukino und offizielle Zeremonie los. Sie begann vielmehr feierlichst mit Drageekeksis und dem Gurkenkönig: Der inoffizielle Start ins Festivalwochenende hieß nämlich NÖSTLINGER – SOWIESO UND ÜBERHAUPT, Alexandra Schneiders Dokumentarfilm über die weltbekannte, innig geliebte Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger, der Mitte Oktober in den österreichischen Kinos angelaufen ist (für Deutschland ist bisher kein Start geplant).

Meine Liebe zur unverwechselbaren Wiener Kettenrauch-Legende Nöstlinger (1936-2018) ist eng mit dem verbunden, was auch der Film als ihre Kernkompetenz herausarbeitet: Nöstlingers Fähigkeit, die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen einzufangen, ohne mit ihnen vom pädagogischen Podest zu sprechen. Im Gegenteil: Es geht um Augenhöhe, und gar nie darum, dass alles heile und moralisch bieder akzeptabel ist. In meinen Lieblingen „Anatol und die Wurschtelfrau“ flieht Desiree mit dem neu adoptierten Kater Anatol Hamolka vor ihren laut streitenden Eltern mit Tieraversion zu ihrem Opa. Und in „Man nennt mich Ameisenbär“, das ich vielleicht 100-mal gelesen habe, kämpft die 12-jährige Thesi damit, dass sie sich so hässlich fühlt und eine Streberin ist, obwohl sie doch eigentlich nur dazu gehören will. Da gab es mal eine Menge Identifikationspotential.

NÖSTLINGER – SOWIESO UND ÜBERHAUPT ist ein im besten Sinne familienfreundlicher Dokumentarfilm, der berichtet, wie Nöstlinger über das Illustrieren – während das Hendl für die Familie im Ofen briet – zum Schreiben und schließlich zum großen Erfolg gekommen ist: Als Christine Nöstlinger mit 80 Jahren starb, hatte sie 150 Kinder- und Jugend-Bücher geschrieben, die in insgesamt 45 Sprachen übersetzt wurden. Im Laufe des Films kommen sowohl ihre Töchter, ihre Kolleg*innen, Verleger*innen und Übersetzerinnen sowie zeitgenössischen Autorinnen wie Stefanie Sargnagel zu Wort – sowie immer wieder Nöstlinger selbst in wunderbaren Interviews aus dem Archiv. Sie flanierte gern, lief manchmal Leuten sogar noch eine Ecke weiter hinterher, wenn das Zuhören grad interessant war. Außerdem erzählt sie von ihrem Schreibprozess. Kritik an Nöstlinger hört man eher nicht, auch wenn das antiautoritäre, freie Erziehungskonzept, das sie ihren Kindern angedeihen ließ, vermutlich gar nicht immer so einfach zu navigieren war.

Wachstumsschmerzen sind auch das Thema von Marine Atlans LA GRADIVA, den man rein synopsismäßig zu Unrecht in eine Coming-of-Age-Ecke stellen könnte. Das ist er nicht, er ist viel eher ein ganz schön tief gehendes Drama mit großem Erschütterungspotential trotz der vielen humorvollen Momente. LA GRADIVA erzählt von Toni, der auf eine Leistungskursreise nach Neapel fährt. Schon in der ersten Szene deutet sich eine große Sehnsucht an: Toni beobachtet seinen Klassenkameraden James im Zug, wie dieser mit einer Klassenkameradin schläft. Das schöne, entrückte Gesicht seines Kumpels ist so voller Zuneigung und Ektase, dass auch die Außenseiterin Suzanne kurz den Blick nicht abwenden kann. LA GRADIVA ist dabei grandios und überraschend gebaut, wechselt den Fokus, sodass wir irgendwann nicht wissen, welche Perspektive er eigentlich erzählt. Ist es der verlorene Toni, um den es geht, der schöne James, die Außenseiterin Suzanne oder doch die jung gebliebene Klassenlehrerin, die abends in weinreichen Runden mit den Schüler*innen eine raucht? Oder geht es eigentlich gar nicht so recht um Einzelschicksale, sondern um das Versagen eines Schulsystems, gegen das gerade so wutentbrannt auf Frankreichs Straßen protestiert wird? Immer wieder thematisiert LA GRADIVA, was für ein Druck auf den Schüler*innen lastet, wie früh sie sich entscheiden müssen, welchen Karriereweg sie einschlagen, wie wenig frei und jugendlich sie sich eigentlich verhalten können. LA GRADIVA ist dabei gnadenlos ehrlich und geradezu brutal, die Schauspielführung beeindruckend. Das Erschütterungspotential des Films entspricht auch dem Ort des Geschehens am Fuße des brodelnden Vesuvs: Das zum Teil auch persönliche Geschichten- und Mythenuniversum aus Verschüttungen, Eruptionen und Vergänglichkeit berührt die Schüler*innen weitaus mehr, als es ihre gelangweilten Gesichter während der wissenschaftlichen Erläuterungen ihrer Lehrerinnen preisgeben.

Auch in Louis Clichys IRON BOY lässt sich das Persönliche nicht vom Strukturellen trennen. Christophe, gerade 11 Jahre alt, wächst auf dem französischen Land in der Region Beauce auf. Die ganze Familie muss auf dem Bauernhof mithelfen, der langsam von den gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umwälzungen – der Umstellung von einer gemischten Vieh- und Agrarwirtschaft auf eine im hohen Maßstab mechanische Getreidewirtschaft – eingeholt wird. Christophe würde gern mitanpacken, aber er ist nicht immer einsatzfähig: Er kann sich nämlich nicht gerade halten, oft kippt er zur Seite, bis in die Besinnungslosigkeit. Nach einer Skoliose-Diagnose wird er in ein eisernes Eisenkorsett gesteckt, das er nur beim Duschen ablegen darf. Vor der Verzweiflung rettet ihn die Kunst: Fürs Seitenwenden bekommt er Unterricht beim Organisten. Und vor der Isolation rettet ihn die erste Liebe: Die rotzfreche Clara lernt er beim Schwimmen kennen, das er zum Muskelaufbau trainieren soll… Eine Coming-of-Age-Geschichte wie IRON BOY erfüllt eigentlich alle Grundvoraussetzungen, in die Fahrwasser eines sentimentalen Heulers zu rutschen. Aber Clichys gemeinsam mit Franck Salomé geschriebenes, kluges Drehbuch und die wunderbar reduzierte Animation, die nicht nur den die Skoliose-bedingten Schwindel als weltverrutschende Perspektive nachfühlbar macht, sondern auch die französische Landschaftsaufnahmen poetisch-informiert einfängt, sorgen für ein absolut rundes Filmerlebnis (für das man, zugegeben, dennoch einige Taschentücher brauchen wird).

Zu den kindlichen Herausforderungen, die Christophe in IRON BOY das Leben schwer machen, gehört auch die Strenge des eigenen Vaters, der seine eigenen Emotionen und Traumata tief in sich vergraben hat. Dass das Trauma-Vergraben aber oft einer der Schlüssel ist, um überhaupt weiterleben zu können, davon erzählt in einem völlig anderen kulturellen Kontext Marie-Clémentine Dusabejambos BEN’INIMA. Knapp 20 Jahre nach dem Genozid in Ruanda, bei dem circa eine Millionen Hutu und Tutsi von Hutu-Extremisten, Milizen und Teilen des Militärs grausam ermordet wurden, sollen 2012 in Kibeho Volksprozesse zu einem Ausgleich und einer Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern führen – der sogenannten Rwanditude. Vénéranda, selbst Überlebende und Sozialbeauftragte, treibt diese Prozesse voran – doch die eigenen grausamen Erinnerungen, ihre invalide und durch die Massenvergewaltigungen mit AIDS infizierte Schwester sowie ihre Tochter, die von ihrem Freund, einem Hutu, außerehelich schwanger wird, rütteln zunehmend an ihren Überzeugungen und sorgfältig hochgezogenen Schutzmauern.

Marie-Clémentine Dusabejambo ist mit ihrem BEN’IMANA, eine Koproduktion zwischen Ruanda, Gabun, Frankreich, Norwegen und Elfenbeinküste, ein aufrüttelnder, bewegender und nachhallender Spielfilm gelungen, der die Verletzungen in der ruandischen Gesellschaft aufzeigt, und dennoch Raum für Hoffnung lässt. Diese Hoffnung ruht vor allem auf den starken Frauen, die übrig geblieben sind, und nun die Zukunft des Landes schultern müssen. „Wo sind eure Männer?“ fragt Vénéranda einmal semi-scherzhaft in die Frauenrunde, die sich quasi gruppentherapeutisch ihre unglaublichen Erinnerungen um die Ohren hauen, aber manchmal auch in den Arm nehmen. Ein paar lachen: „Die sind entweder tot oder im Gefängnis.“