Film Restored – Das Filmerbe-Festival vom 21. bis 25. Oktober 2026
Riskante Manöver der Filmgeschichte
Das Filmerbe ist von zahlreichen Risiken geprägt: Von den finanziellen Hürden bei der Produktion über experimentierfreudige Darstellungen transgressiver Inhalte bis hin zur Bewahrung und Zugänglichmachung in Archiven ist der Ausgang oft ungewiss. Das Film Restored Festival der Deutschen Kinemathek widmet sich in seiner elften Ausgabe vom 21. bis 25. Oktober 2026 unter dem Motto „Risky Business” den Wagnissen vor und hinter der Kamera. Wie bereits im vergangenen Jahr findet das Filmerbe-Festival in der Kinemathek im E-Werk und im SİNEMA TRANSTOPIA statt. Neben großen Filmklassikern, darunter Vittorio De Sicas IL GIARDINO DEI FINZI CONTINI und FARGO von den Coen-Brüdern gibt es zahlreiche filmische Wiederentdeckungen aus zwanzig Ländern, teilweise in neuen Restaurierungen.
Der Eröffnungsfilm CYANKALI (1930) von Hans Tintner verdeutlicht eine ganze Reihe von Risiken. Mit der Erzählung über einen illegalen Schwangerschaftsabbruch im Arbeitermilieu klagte Tintner das Abtreibungsverbot und die Arbeitsverhältnisse rigoros an. Der Film war von zentraler Bedeutung im Kampf um die Reformierung des umstrittenen Paragrafen 218, der Abtreibungen in der Weimarer Republik unter Strafe stellte. Dadurch geriet das Werk mehrfach in Konflikt mit der Zensurbehörde und dem Publikum. So wurde ihm vorgeworfen, die öffentliche Moral zu untergraben und Klassenhass zu schüren. Auch die Restaurierung gestaltete sich schwierig, denn der frühe Tonfilm, der neben Musik und Klangeffekten auch einige gesprochene Dialoge enthält, ist nicht mehr vollständig erhalten. Ein weiteres Beispiel für den gesellschaftlichen Einsatz von Film als Protestmittel ist David Secters Studentenfilm WINTER KEPT US WARM (1966). Zu einer Zeit, als Homosexualität noch unter Strafe stand, gelang es dem 22-jährigen Regisseur, eine Drehgenehmigung auf dem Campus zu bekommen. Sein sensibles Porträt einer Romanze unter Studierenden ist mit einem stimmigen Jazz-Soundtrack untermalt und greift den ungeschliffenen Stil des frühen John Cassavetes auf. Es gilt als der erste queere Film Kanadas und war der erste LGBTQ-Film, der bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde.
Das Festival setzt sich ebenfalls mit diasporischen Bewegungen und persönlichen Entwurzelungen als riskante Lebenserfahrungen auseinander. Dabei spielen sowohl ost- als auch westdeutsche Perspektiven des Filmschaffens eine Rolle. In der DEFA-Produktion ERSTER VERLUST (1990) von Maxim Dessau wird die Geschichte eines Bauernhofs im Jahr 1942 erzählt. Nachdem der Landwirt zum Kriegsdienst eingezogen wurde, setzt dessen Schwester einen sowjetischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter ein und behandelt ihn schlecht. Seine Ehefrau fühlt sich isoliert und sucht eine intime Nähe zu dem Gefangenen. In Uli M Schueppels VATERLAND (1992) wird der Algerier Kadir kurz nach dem Mauerfall in der DDR aus der Psychiatrie entlassen. Im unterkühlten Nachwende-Deutschland kann er keinen Anschluss finden und trifft eine radikale Entscheidung: Er entführt seinen Sohn in die vermeintliche Heimat nach Algerien. Auf internationaler Ebene stellt das Arsenal Filminstitut in der Präsentation „Engaging with Risk – Strategic Adaptation as Method“ anhand von Restaurierungsprojekten aus Guinea-Bissau, dem Libanon, dem Sudan und dem Iran vor, welche Problematiken politische Machtverschiebungen in den Partnerländern für die Zusammenarbeit mit Filmschaffenden bedeuten können.
Neben einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops bietet das diesjährige Film Restored Festival auch wieder einige kuriose Kleinode. Darunter der finnische Film Noir KUU ON VAARALLINEN (1961) oder der türkische Vampirfilm DRAKULA İSTANBUL’DA (1953).
Henning Koch
Empfehlungen aus dem Programm des Film Restored Festivals 2026:
ANDER ETA YUL
Regie: Ana Díez, ES 1988
Darum geht es:
Nachdem er eine lange Haftstrafe verbüßt hat, kehrt der Drogendealer Ander in seine verfallene baskische Heimatstadt zurück. Diese gleicht einem Kriegsgebiet, die Polizei führt regelmäßig Razzien und Personenkontrollen durch, um die Terrororganisation ETA unter Kontrolle zu bringen, und nachts hallen Schüsse durch die Straßen. Durch Zufall wird Ander Zeuge eines Anschlags und erkennt dabei seinen ehemaligen Kommilitonen Yul aus dem Priesterseminar wieder, der mittlerweile als Handlanger der ETA agiert. Die beiden kommen wieder in Kontakt und schließen einen stillen Pakt. Während Ander der Polizei keine Hinweise zu Yuls Identität gibt, schweigt dieser gegenüber der ETA zu Anders‘ Geschäften als Dealer. Doch die Ringe der Ermittler und der Terroristen ziehen sich zunehmend enger.
Was du zum Film wissen musst:
Ana Díez drehte ihr Spielfilmdebüt ANDER ETA YUL während der gewalttätigsten Phase der ETA in den 1980er Jahren und ging damit eine ganze Reihe von Risiken ein. Zum einen wurden ihr Drehgenehmigungen verweigert, zum anderen wurde der Film von Teilen der Bevölkerung boykottiert. Dies lag wahrscheinlich auch daran, dass sie das Vorgehen der ETA und der Polizei zwar ungeschönt darstellt, sich in ihrer poetischen Bildsprache aber einer moralischen Bewertung der beiden Figuren enthält. Sie gibt keine Lesart vor, wie die Vorgänge des Drogenhandels und des Terrorismus zu interpretieren sind.
Termin beim Film Restored Festival 2026:
Donnerstag, 22.10.2026, 18:00 Uhr, Kinemathek – Halle
CHAMELEON STREET
Regie: Wendell B. Harris Jr., USA 1989
Darum geht es:
Basierend auf dem realen Fall des Hochstaplers und Betrügers William Douglas Street Jr., rekonstruiert die bissige Gesellschaftsparodie dessen Lebensweg mit Wortwitz und in einem atemlosen Erzählstil. In Form eines performativen Rollenspiels schlüpfte Street wie ein Chamäleon in verschiedene Rollen, ob als Reporter für das Time Magazine, Arzt, Student an einer Eliteuniversität oder Anwalt. Obwohl er nach eigener Aussage nur an Geld interessiert ist, scheint er sich in seinem erschwindelten Ansehen und dem ständigen Nervenkitzel der Enttarnung zu sonnen und stellt damit den amerikanischen Traum auf den Kopf.
Was du zum Film wissen musst:
CHAMELEON STREET ist ein besonderes Werk des US-amerikanischen Independent-Kinos. Wendell B. Harris Jr. führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch und spielte die charismatische Hauptrolle als schelmischen Kommentar auf die wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten der Reagan-Ära. Die Finanzierung wurde vollständig von Investor*innen aus der schwarzen Community übernommen. Obwohl der Film beim Sundance-Festival den Großen Preis der Jury gewann, wurde er seinerzeit von der Filmkritik durchwachsen aufgenommen und konnte keinen Verleih finden. Erst in den vergangenen Jahren gelang es CHAMELEON STREET, in einer neuen Restaurierung mehr Aufmerksamkeit als bisher zu Unrecht übersehenes afroamerikanisches Pionierwerk auf sich zu ziehen.
Termin beim Film Restored Festival 2026:
Freitag, 23.10.2026, 20:00 Uhr, Kinemathek – Halle
PINK NARCISSUS
Regie: James Bidgood, USA 1971
Darum geht es:
Bobby Kendall spielt die Rolle eines Prostituierten, der sich in seiner Wohnung erotischen Tagträumen als Torero mit einem Motorradfahrer, römischer Sklave oder hemmungsloser Tänzer in einem Harem hingibt. Dabei bewundert er als Narziss vor allem auch sein eigenes Spiegelbild. Die Handlung des Experimentalfilms orientiert sich an der traumwandlerischen Impulsivität des amerikanischen Avantgarde-Kinos von Kenneth Anger oder Maya Deren.
Was du zum Film wissen musst:
James Bidgoods PINK NARCISSUS ist sicherlich der epischste Schmalfilm, der jemals das Licht der Leinwand erblickt hat. Über einen Zeitraum von fast sieben Jahren verwandelte der Kostümbildner und Fotograf seine Privatwohnung in Manhattan in ein glitzerndes Filmset, um seine homoerotischen Fantasien auf 8- und 16-mm-Film zu bannen. Nach Streitigkeiten mit den Geldgebern zog er seinen Namen zurück, weshalb im Abspann „Anonymous“ angeführt wird. Das Ergebnis von Bidgoods einziger Regiearbeit ist ein hypnotischer Filmrausch, der verschiedenste Techniken wie Überblendungen, Zeitlupenaufnahmen, Stop-Motion-Animationen und wilde Kameraperspektiven kombiniert. In der neuen 4K-Restaurierung des UCLA Film & Television Archive kann der Film endlich wieder in seiner vollen Pracht erstrahlen.
Termin beim Film Restored Festival 2026:
Freitag, 23.10.2026, 22:00 Uhr, Kinemathek – Halle
MORTU NEGA
Regie: Flora Gomes, GUI 1988
Darum geht es:
Diminga schließt sich 1973 als Teil der Zivilbevölkerung dem Befreiungskrieg von Guinea-Bissau gegen Portugal an, um ihren Ehemann Sako zu suchen, der als Soldat an der Front kämpft. Auf beschwerlichen und gefährlichen Pfaden transportiert sie Waffen und Vorräte für die Guerillatruppen durch den Dschungel und trifft Sako schließlich mitten im Gefecht wieder. Als Guinea-Bissau die Unabhängigkeit erreicht, kehren beide in ihr Heimatdorf zurück. Doch statt der erhofften Freiheit sehen sie sich dort mit neuen Herausforderungen und den Folgen des Krieges konfrontiert. Während eine verheerende Dürre ausbricht, öffnen sich alte Wunden, und in der neuen Bürokratie greift die Korruption um sich.
Was du zum Film wissen musst:
Flora Gomes’ Debütfilm MORTU NEGA ist ein wegweisendes Schlüsselwerk des postkolonialen Kinos. Die neorealistische Darstellung vermittelt die Strapazen des Krieges und dessen Konsequenzen für das alltägliche Leben der Bevölkerung in starken Bildern. Dennoch zeigen die imposanten Massenszenen mit Musik und Tanz eine humanistische Perspektive und stimmen auch versöhnliche Töne an. Der Film wurde im Jahr 2025 vom World Cinema Project der Film Foundation und der Cineteca di Bologna in Zusammenarbeit mit Gomes restauriert.
Termin beim Film Restored Festival 2026:
Freitag, 23.10.2026, 12:00 Uhr, SİNEMA TRANSTOPIA