Stadtlicher 10: „Potential für interkulturellen Austausch“


Stadtlichter feiert am 16. Oktober 2026 in den B.L.O. Ateliers gleich mehrere Jubiläen: zehn Jahre Festival, 25 Jahre Städtepartnerschaft Lichtenberg–Hajnówka und die 20. Ausgabe des ŻUBROFFKA International Short Film Festival. Im Interview blicken Berit Petzsch und Juliane Springsguth, die beiden Festivalerfinderinnen und -Macherinnen, stolz zurück und mit Freude nach vorne…

Zehn Jahre Stadtlichter: Was macht die Jubiläumsausgabe anders als die Jahre davor und woran sollen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer in zehn Jahren erinnern?
Juliane Springsguth:
Für jede Stadtlichter-Ausgabe haben wir uns unterschiedliche Schwerpunkte gesucht. Im letzten Jahr lag der Fokus auf dem 30-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Lichtenberg und Maputo-Ka Mubukwana (Mosambik). Es gab auch thematische Schwerpunkte wie beispielsweise Menschenrechte oder Musik im Film. Dabei steht immer im Mittelpunkt, dass wir Filme von Regisseur*innen aus den Partnerstädten und -regionen oder über diese Orte zeigen, um einen Einblick in deren kulturellen sowie gesellschaftspolitischen Themen zu ermöglichen. 2024 haben wir den preisgekrönten Film GREEN BORDER von Agnieszka Holland präsentiert. Dieser zeigt die Problematik der illegalen Pushbacks von Geflüchteten an der polnisch-weißrussischen Grenze und den Umgang der Bewohner*innen rund um Hajnówka, eine Partnerregion Lichtenbergs, mit dieser Situation.
So viel anders ist die Jubiläumsausgabe nicht. Außer, dass wir in unser Archiv geschaut haben und ein kleines, aber feines Kurzfilmprogramm mit einigen unserer Lieblingsfilmen, ein Mix aus Animationen, Musikvideos und Dokumentation, kuratiert haben. Dazu kommt ein langjähriger Freund und Kurator Krzysztof Sienkiewicz vom ZUBROFFKA International Short Film Festival zu Besuch und bringt ein Kurzfilmprogamm aus Podlachien mit. Nicht zu vergessen sind die Konzerte am Ende der Filmprogramme. Diese Tradition führen wir auch in diesem Jahr fort und freuen uns sehr auf ein wunderbares Set vom Sound 8 Orchestra, die bereits 2017 bei Stadtlichter aufgetreten sind.

Welcher Moment aus der Festivalgeschichte ist euch besonders im Gedächtnis geblieben und was hat sich seit der ersten Ausgabe am meisten verändert?
Berit Petzsch:
Unsere erste Ausgabe starteten wir als Wanderkino. Diese Idee kam uns, da es in Lichtenberg kein einziges Programmkino mehr gab und leider bis heute auch nicht gibt. Und da Lichtenberg 2016 sieben Städtepartnerschaften auf drei Kontingenten pflegte, kuratierten wir sieben Filmprogramme an sieben Orten in Lichtenberg. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns der erste Filmabend in einem vietnamesischen Restaurant auf dem Gelände des Dong Xuan Centers. Wir zeigten den Film FLAPPING IN THE MIDDLE OF NOWHERE als Deutschlandpremiere und es kamen mehr Gäste als Plätze vorhanden, darunter viele Vietnames*innen. Ein toller Start, der uns darin auch bestätigte, dass wir mit dieser Idee Erfolg haben können. Weitere Orte waren u.a. das Kulturhaus Karlshorst, die B.L.O.-Ateliers und das Kesselhaus Museum Herzberge. Anfangs wollten wir jedes Jahr in einem anderen Berliner Bezirk ein Wanderkino mit dem Schwerpunkt auf deren Städtepartnerschaften realisieren. Das haben wir für unsere zweite Ausgabe 2017 in Treptow-Köpenick gemacht, uns dann in den folgenden Jahren allerdings auf Lichtenberg konzentriert, da wir beiden in Lichtenberg wohnen. In den B.L.O.-Ateliers, eine Künstler*innen-Gemeinschaft in der Nähe des S-Bahnhofs Nöldnerplatz, haben wir einen Ort gefunden, an dem wir jedes Jahr zu Gast sein dürfen. Neben den vielen gut besuchten Filmnächten in den vergangenen zehn Jahren war für uns auch die Auszeichnung mit dem Blauen Bären – Berliner Preis für ehrenamtliches Engagement für Europa – im Jahr 2021 eine besondere Anerkennung unserer Arbeit.

Stadtlichter hat 2016 als erstes Berliner Kulturangebot Film und Städtepartnerschaften verbunden. Was hat euch damals dazu bewegt, und was können Filme und Filmfeste leisten?
Petzsch:
In einer Bezirksbroschüre Lichtenbergs haben wir erstmalig von den internationalen Städtepartnerschaften erfahren. Wir fanden es sehr spannend und haben uns gefragt, welche künstlerischen bzw. kulturellen Austauschformate es dazu gibt. Dann haben wir schnell festgestellt, dass es hier eine Lücke gibt. Da wir beide Kinofans sind und damals bereits auf unterschiedlichen Filmfestivals gearbeitet haben, wurde die Idee von Stadtlichter geboren. Wir fanden, dass das Thema Städtepartnerschaften so viel Potential für den interkulturellen Austausch liefert. Außerdem merkten wir schnell, dass viele Lichtenberger*innen von diesen Partnerschaften überhaupt nichts wissen. Hier wollten wir mit Film- und Kulturprogrammen eine Plattform für Unterhaltung, Gespräche und Austausch schaffen. Die Städtepartnerschaften Lichtenbergs sind historisch gewachsen und haben eine enge Verbindung zu den Menschen, die hier leben bzw. die hier zu unterschiedlichen Zeiten hergekommen sind. Dazu gehören auch die Geschichten der ehemaligen vietnamesischen und mosambikanischen Vertragsarbeiter*innen zu DDR-Zeiten.
Springsguth: Ein weiterer wichtiger Punkt bei Stadtlichter war auch immer, dass wir mit dem Medium Kurzfilm junge Filmemacher*innen unterstützen und ihnen eine Plattform zur Verfügung stellen können, um zum Teil ihre Erstlingswerke vor einem größeren Publikum zu zeigen. So sind über die Jahre wertvolle Verbindungen mit Regisseur*innen und auch Kurzfilmagenturen in den Partnerstädten wie z.b. Wien entstanden. Dafür sind wir einmal mit einem Kurzfilmproramm nach Wien gefahren, mit im Gepäck hatten wir auch Lichtenberger Filme.

Welches Screening aus den zehn Jahren ist in Erinnerung geblieben und warum?
Springsguth:
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, da alle Veranstaltungen für mich besonders waren, aber ich versuche es trotzdem und benenne einfach zwei Filmmomente. Besonders in Erinnerung ist mir das Screening BACK FROM NEW YORK von der Regisseurin Ramunė Rakauskaitė im Rahmen des 20jährigen Jubiläums mit der litauischen Partnerstadt Jurbarkas geblieben. Diese Dokumentarperle wurde uns von einem litauischen Filmemacher Rimantas Oičenka empfohlen, von dem wir auch schon mehrere Filme gezeigt haben (er ist sogar in Jurbarkas geboren). Zur Vorführung konnten wir die Regisseurin persönlich einladen. Im Anschluss an den großartigen Film entstand ein wunderbares Publikumsgespräch. Ramunė war sichtlich bewegt davon, wie herzlich der Film vom Stadtlichter-Publikum aufgenommen wurde. Ihr Film begleitet zwei Künstler über einen Zeitraum von 20 Jahren – eine Geschichte, die auf ganz besondere Weise zu unserem langjährigen Veranstaltungsort, den B.L.O.-Ateliers, passte.
Als zweiten Filmmoment möchte ich als Beispiel für die vielen Kinderfilmprogramme „Hits for Kids“, die wir in den vergangenen zehn Jahren gezeigt haben, das Kinderfilmprogramm zur Langen Nacht der Familie 2017 im FEZ nennen. Dort haben wir wunderbare Animationsfilme aus den internationalen Partnerstädten Treptow-Köpenicks gezeigt. Für mich ist es immer eine Herzenssache, großartige Kinderfilme zu entdecken und zusammenzustellen. Ich liebe Animationsfilme und es berührt mich jedes Mal aufs Neue, wenn in einem vollen Kinosaal Kinder und Erwachsene gebannt auf die Leinwand schauen – wenn sie staunen, sich manchmal ein bisschen fürchten, mit den Protagonist*innen mitfiebern und natürlich gemeinsam mit ihnen lachen. Deshalb bleiben mir auch immer die Kinderfilmprogramme sehr in Erinnerung.

Plakat Stadtlichter Berlin
Poster Stadtlichter Berlin Lichtenberg

Was war bei der Organisation der Jubiläumsausgabe die größte Herausforderung und welche Rolle spielen langjährige Partner wie der Bezirk Lichtenberg und die B.L.O. Ateliers?
Petzsch:
Die größte Herausforderung für die Jubiläumsausgabe lag wahrscheinlich bei der Zusammenstellung vom Kurzfilmprogramm „Best of Stadtlichter“. Aus knapp 200 wunderbaren Kurzfilmen eine Auswahl zu treffen ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Langjährige Kooperationen und Netzwerke sind für unser Projekt sehr wichtig und wir haben wirklich großartige Unterstützer*innen. Dazu gehören auf jeden Fall die B.L.O.-Ateliers, die aktuell selbst in einer unsicheren Situation bezüglich ihrer Zukunft sind. Das Bezirksamt Lichtenberg mit seiner Städtepartnerschaftsbeauftragten ist ebenfalls ein langjähriger und wichtiger Partner. Ich möchte aber auch das Abacus Tierpark Hotel nennen, die seit vielen Jahren unsere Gäste aus den Partnerstädten beherbergen. Und auch Berliner Filmfestivals als ein kontinuierlicher Medienpartner, worüber wir uns sehr freuen.
Die letzten zehn Jahren waren nur durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit vielen Menschen und Institutionen möglich. Dafür möchten wir allen Beteiligten herzlichst danken.

Zeit für Visionen: Wohin soll sich Stadtlichter in den nächsten zehn Jahren entwickeln?
Petzsch:
Wir möchten weiterhin eine Plattform für Kurzfilm und Arthouse-Kino in Lichtenberg anbieten. Dafür planen wir bereits Kooperationen mit weiteren Akteur*innen im Bezirk, beispielsweise mit dem Museum Lichtenberg im Stadthaus. Uns interessiert ein Blick in die Geschichte von Lichtenberg und wir wollen die Stadtlichter Tradition des Lichtenberger Vorfilms vor den internationalen Filmprogrammen wiederbeleben.
Springsguth: In Zeiten knapper werdender Fördermittel hoffen wir natürlich, auch zukünftig die finanziellen Möglichkeiten zu haben, neue Ideen und Programme umzusetzen. Und wir wünschen uns für Stadtlichter, dass wir mindestens weitere zehn Jahre Lichtenbergs Städtepartnerschaften mit liebevoll kuratierten Film- und Kulturprogrammen ganz viel Glanz und Glamour verleihen.

Die Fragen stellte Denis Demmerle.