19. AFRIKAMERA: Diverse Perspektiven auf drängende Fragen
Still aus WATER & COLTAN © Daniel Kötter
Bereits seit 2008 bringt AFRIKAMERA aktuelle Filme aus dem afrikanischen Kontinent nach Berlin. Die diesjährige Ausgabe ist die vorletzte aus der 2024 gestarteten Themenreihe BELIEVE * CHANGE * REFLECT * CREATE. Der Schwerpunkt REFLECT legt den Fokus auf verschiedene Perspektiven auf die drängendsten Fragen zur Gesellschaft und Politik des afrikanischen Kontinents. In einer kleinen, ausgezeichneten Filmauswahl werden Folgen von Klimawandel und Kolonialismus, Ressourcenausbeutung und problematische Verhaltensweisen von NGOs thematisiert – aber auch andere Sichtweisen auf die Natur.
Der mit Laiendarstellerinnen und auf der lokalen Sprache Kinyarwanda gedrehte Eröffnungsfilm BEN‘IMANA (LES ENFANTS DE DIEU) setzt sich mit transgenerationalen Traumata infolge des Genozids in Ruanda auseinander und der Frage, ob Vergebung möglich ist. Auf den Filmfestspielen in Cannes wurde der Film in der Sektion „Un Certain Regard“ als bestes Debüt prämiert. BEN‘IMANA wurde zudem bei den Academ Awards als ruandischer Beitrag für die Kategorie „Bester Internationaler Film“ eingereicht (siehe Kurzkritik). Im poetischen Dokufilmessay L’ARBRE DE L’AUTHENTICITÉ/THE TREE OF AUTHENTICITY erforscht Sammy Baloji, Fotograf und Videokünstler aus der Demokratischen Republik Kongo, die Ruinen des ehemals weltgrößten tropischen Agrarforschungszentrums und beschäftigt sich mit den bis heute spürbaren Auswirkungen der Umweltzerstörungen der belgischen Kolonialzeit. Drei weitere Dokumentarfilme zeigen Umweltzerstörung durch Extraktivismus, Protest und Alternativen auf: In AMUSSU geht es um Organisierung des Protests gegen die größte Silbermine Afrikas im Südosten Marokkos, die die umliegenden Gemeinden vom Wasser abschneidet. MIKUBA zeigt, dass Bergbau anders geht: der weltweit für die Energiewende gefragte Rohstoff Kobalt wird im Süden der DR Kongo von einer selbstverwalteten Minenkooperative mit traditionellen Techniken abgebaut – gegen den Willen der Konzerne. LA COULEUR DU PHOSPHATE macht die drastischen Folgen des Phosphatabbau für die Anwohnerinnen der tunesischen Bergbaustadt Redeyef sichtbar.
Die Spielfilmauswahl führt in dörfliche Dynamiken und eröffnet den Blick auf fantastische Welten. In ONE WOMAN ONE BRA steht Waise Star, Bewohnerin des kenianischen Dorfs Sayit, vor einem Problem. Endlich werden offizielle Dokumente ausgegeben, anhand derer Anspruch auf Land bewiesen werden kann, doch Star kann ihre Abstammung nicht nachweisen. Mithilfe einer NGO versucht sie ihre Herkunft zu ergründen und gerät in Konflikt mit der Dorfgemeinschaft. „Zwischen Drama und schwarzer Komödie changierend, hinterfragt Vincho Nchogus Spielfimdebüt den „White Saviorism“ internationaler NGOs und patriarchale Machstrukturen“, schreiben die AFRIKAMERA-Organisator*innen online. Der Film ist als Beitrag Kenias in der Kategorie „Bester internationaler Spielfilm“ für die Oscars 2027 eingereicht. SOUMSOUM, LA NUIT DES ASTRES konkurrierte im Wettbewerb der Berlinale 2026. Im Film des tschadischen Regisseurs Mahamat-Saleh Haroun knüpft die junge Kellou eine geheimnisvolle Verbindung zu ihrer Hebamme Aya, die nun ausgestoßen am Rande des Dorfes lebt auf. Aya erkennt Kellous Gaben bei der Bewahrung einer mystischen, von Verschwinden bedrohten Welt. THE FISHERMAN thematisiert anhand eines Fischers im unfreiwilligen Ruhestand und einem sprechenden Fisch verschwindende, traditionelle Fischereipraktiken in Ghana.
Die Filme führen auch in die Städte: In der Coming-of-Age-Geschichte BARNI suchen die drei Teenager Ami, Hirsi und Geedi aus der somalischen Provinz Amis neunjährige Schwestern Barni in einer Großstadt. Der Dokumentarfilm MOTHER CITY zeigt den Kampf um Teilhabe und bezahlbaren Wohnraum in Kapstadt. Daneben gibt es einfühlsame Betrachtungen von Menschen, die im kleinen Großes leisten und von der Macht der Musik. In LA MÉMOIRE DE MANGUIER erkrankt der Iman Habibi, der jahrzehntelang das Viertel und seine Menschen zusammengehalten hat, an Alzheimer. Die Menschen finden zusammen, um den Imam zu unterstützen. Der Film des senegalesischen Regisseurs Nicolas Sawalo Cissés erhielt den Preis für das beste Drehbuch beim Festival International du Cinéma Africain de Khouribga in Marokko und den Publikumspreis des Festival International du Film de Bruxelles. L’HOMME QUIE PLANTE LES BAOBABS geht um das Lebenswerk des mittlerweile achtzigjährigen El Hadj Salifou Ouédraogo, der im Westen Burkina Fasos seit fünfzig Jahren mehr als 4.600 der bedrohten Affenbrotbäume gepflanzt hat.
In GOUNDAFA, LE CHANT MAUDIT lehnt sich ein Amazigh-Dorf im marokkanischen Atlasgebirge gegen einen konservativen Imam auf, der Frauen das Singen und Jugendlichen das Musik machen verbieten will. Im autobiographischen CONGO BOY verfilmt Regisseurs Rafiki Fariala seine Geschichte (siehe Kurzkritik).
Ergänzt wird das Langfilmprogramm von zwei Kurzfilmabenden, „Afrikamera Shorts – Directors‘ Choice“, zusammengestellt von Festivalleiter Alex Moussa Sawadogo und „Reflect“. Neben den Filmvorführungen wird im Projektraum MISS READ SPACE die Ausstellung „Sacred: Human, Animal and Plant“ mit Werken des burkinischen Fotografien Nyaba Léon präsentiert. Als weitere Besonderheit wird der 360°-VR-Dokumentarfilm WATER & COLTAN gezeigt. Die Arbeit setzt sich mit Folgen des Bergbaus für Land und Menschen anhand des Beispiels des Kohleabbaus im Ruhrgebiet und des Coltanabbaus in der DR Kongo auseinander, „zwei lokale Seiten ein und desselben gewalttätigen globalen Phänomens“.
Jara Frey-Schaaber
Im Folgenden gibt es ein paar Programmtipps:
BEN‘IMANA (LES ENFANTS DE DIEU)
Darum geht es:
Knapp 20 Jahre nach dem Genozid in Ruanda, bei dem circa eine Millionen Hutu und Tutsi von Hutu-Extremisten, Milizen und Teilen des Militärs grausam ermordet wurden, sollen 2012 in Kibeho Volksprozesse zu einem Ausgleich und einer Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern führen – der sogenannten Rwanditude. Vénéranda, selbst Überlebende und Sozialbeauftragte, treibt diese Prozesse voran – doch die eigenen Traumata, ihre invalide und durch die Massenvergewaltigungen mit AIDS infizierte Schwester sowie ihre Tochter, die von ihrem Freund, einem Hutu, außerehelich schwanger wird, rütteln zunehmend an ihren Überzeugungen und sorgfältig hochgezogenen Schutzmauern.
Was du zum Film wissen musst:
Marie-Clémentine Dusabejambo ist mit ihrem BEN’IMANA, eine Koproduktion zwischen Ruanda, Gabun, Frankreich, Norwegen und Elfenbeinküste, ein aufrüttelnder, bewegender und nachhallender Spielfilm gelungen, der die Verletzungen in der ruandischen Gesellschaft aufzeigt, und dennoch einen Raum für Hoffnung offenlässt. Diese Hoffnung ruht vor allem auf den starken Frauen, die übrig geblieben sind, und nun die Zukunft des Landes schultern müssen. „Wo sind eure Männer?“ fragt Vénéranda einmal scherzhaft in die Frauenrunde, die sich quasi gruppentherapeutisch ihre unglaublichen Erinnerungen um die Ohren hauen, aber manchmal auch in den Arm nehmen. Ein paar lachen. „Naja, die sind entweder tot oder im Gefängnis“. – MK
Termin beim 19, AFRIKAMERA
Montag, 9. November, 19.30 Uhr, City Kino Wedding
CONGO BOY
Darum geht es:
Nur die Musik kann den Alltag aufhellen, vor allem der Flow des Raps, in dem man sich herrlich verlieren kann. Robert ist 17 und muss sich quasi allein um seine Geschwister in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, kümmern – und nebenbei versuchen, sein Abi zu machen. Auch wenn er dann Bestechungsgelder aufbringen muss, denn er und seine Eltern sind Flüchtlinge aus der Demokratischen Republik Kongo. Als es einen Talentwettbewerb geben soll, versucht er seinen Rapper-Traum wahr werden zu lassen.
Was du zum Film wissen musst:
Rafiki Farialas Spielfilmdebüt feierte in der Sektion Un Certain Regard in Cannes seine Weltpremiere und ist autobiografisch inspiriert: Fariala, Jahrgang 1997, kam selbst als kongolesischer Flüchtling nach Bangui und landete unter dem Künstlernamen „Rafiki – RH2O“ mit „Je suis élève“ einen Überraschungshit. Die Auftritte gehören zu den vitalsten Szenen des Films, der glaubhaft von Resilienz und Selbstermächtigung auch unter schwierigsten Bedingungen erzählt. Besonders eindrücklich zeigt CONGO BOY, dass Gewalt und arbiträre Machtwechsel zum Alltag gehören – so sehr, dass die Salven im Hintergrund von den Schüler*innen kaum mehr wahrgenommen werden. – MK
Termin beim 19, AFRIKAMERA
Dienstag, 10. November, 20.30 Uhr, Kino Arsenal
AND SHE DIDN’T DIE (Südafrika 2025, OmE, 102 min)
Darum geht es:
Die Geschichte der sudafrikanischen Revolutionärin, Exilantin, Feministin und Schriftstellerin Lauretta Ngcobo ist eng verwoben mit der Geschichte ihres Landes. Erzählt wird sie von ihrer Tochter Khethiwe Ngcobo. Mit Archivaufnahmen, Familienfotos, Interviews mit Familienangehörigen, nachgestellten Szenen und Lesungen aus Lauretta Ngcobos Werken erschließt Khethiwe Ngcobo ein vielschichtiges Bild ihrer Mutter. Die heiratet als junge, engagierte Lehrerin den Gewerkschafter Abednego Bhekabantu „AB“ Ngcobo, der als Gründungsmitglied des Pan Africanist Congress politisch verfolgt wird. Lauretta Ngcobo erledigt selbst Kurierdienste für den PAC und kann ihrer eigenen Inhaftierung nur knapp entgehen. Die Flucht führt sie mit ihren zwei kleinen Kindern – Khethiwe und ihrer Schwester – über mehrere Nachbarländer schließlich bis ins Exil nach London. Dort arbeitet Lauretta Ngcobo als Lehrerin und Schriftstellerin und entdeckt nach dem Befreiungskampf die, wenn auch überwiegend weiße, feministische Bewegung für sich. Erst 25 Jahre später, nach dem Ende der Apartheid, kehrt sie nach Südafrika zurück und kann wieder mit den Frauen in Austausch treten, deren Geschichten sie schon immer erzählt hat.
Was du zum Film wissen musst:
Dass der Film eine meisterhafte Erzählung ist, überrascht nicht: Lauretta und Khethiwe Ngcobo kommen aus einer Familie von Geschichtenerzählerinnen. Der Filmtitel nimmt Bezug auf Lauretta Ngcobos berühmtestes Werk „And they didn’t die“. Die Filmemacherin interviewt nicht nur engste Familienangehörige, sondern zeigt Alltagsszenen aus Familienarchiven – und sogar Aufnahmen von der Trauerfeier von Lauretta Ngcobo. Das macht den Film berührend nahbar und vermittelt die Bedeutung von Erzählungen für Erinnerung und Widerstand, über Generationen und Kontinente hinweg. – JFS
Termin beim 19, AFRIKAMERA
Freitag, 13. November, 18.30 Uhr, Kino Arsenal