„¡No!“ von Pablo Larraín


Die (oppositionelle) Videoclip-Effekthascherei tritt gegen die patriarchalische Wohlstandspropaganda (Pinochets) an.  Foto: Around The World in 14 Films

Die (oppositionelle) Videoclip-Effekthascherei tritt gegen die patriarchalische Wohlstandspropaganda (Pinochets) an. Foto: Around The World in 14 Films

Von Kindern, Agit-Prop und dem Simulakrum

„So kann ich davon träumen, wie ich einmal das Gehen lernte. Doch das hilft mir nichts. Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr.“ (Walter Benjamin) Pablo Pablo Larraíns Streifen „¡No!“ setzt bei den Vorbereitungen zur Volksabstimmung 1988 in Chile ein. Bei dieser Abstimmung ging es darum, ob der Diktator Augusto Pinochet für weitere acht Jahre in das Amt des Präsidenten gewählt werden würde. Dabei gestaltete sich die Verteilung des Vetos wie die Antwortmöglichkeiten auf eine Inversionsfrage – Ja oder Nein. Eine Wahl ist in einer Diktatur immer eine zynische Angelegenheit. Hier äußerte sich der Zynismus darin, dass nur zwei 15-minütige Reportagen die oppositionelle Seite beleuchten und bewerben konnten. Die restlichen 23,5 Stunden des Tages lief Pro-Pinochet-Propaganda. Personalisiert wird dieses Stück Geschichte durch die Figur des Werbefachmanns René Saavedra (Gael Garcia Bernal). In der Rhetorik und Bildsprache nicht allzu subtil, steigt man bei der Kampagne einer Cola Names „Free“ ein. Saavedras Vater war im Exil und folglich verbrachte er viel Zeit außerhalb von Chile und gehört nun zur dünnen gehobenen Mittelschicht seines Landes. Ein Karrierist, der jeden Idealismus für sentimentalen Kitsch hält und seiner Frau (Antonia Zegers), die den offenen Kampf mit dem Regime Pinochets sucht, nur noch mit Ekel und Abneigung begegnet.

Jedoch wird Saavedra von einem Vertreter der 17 Oppositionsparteien angesprochen. Ein Werbespot mit der Dauer von einigen Sekunden muss den Konsens des Regimes bloßstellen und er soll als Berater fungieren. Die erste Idee Saavedras ist eine typische Agit-Prop-Kollage – Zahlen und Fakten über verschwundene Demonstranten, Bilder von polizeilicher Willkür und Gewalt. Kurz, ein durch und durch idealgetränktes Bildverständnis, in der Willkür und Paranoia verschmelzen. Er verwirft das Konzept und bedient sich dem Kanon der Hippiekultur – ein Regenbogen-Logo, die Chance einer neuen Generation, Prominente wie Christopher Reeve oder Jane Fonda, fade Bilder zukunftsträchtiger Glückseligkeit. Angesichts einer gesellschaftlich erzeugten Alternativlosigkeit befördert die Resignation darüber nie die Dezenz, sondern stets den Größenwahn. Saavedras Chef (Alfredo Castro) konzipiert dagegen den Spot für die Pro-Pinochet-Fraktion, in dem ein Kind von einer entgegenkommenden Dampfwalze gefährdet wird. Dabei bleibt das Kind die leere Fläche, auf die sich der erwachsene Wunsch (nach Sicherheit) projiziert. Das Verhältnis der Erwachsenen zur Kindheit ist sentimental. Man betrauert in deren Vergänglichkeit etwas, das sie empirisch nie erfahren haben. Glückliche Kindheiten gibt es nur in der Erinnerung, glückliches Erwachsensein nur als kindliche Sehnsucht und eine menschenfreundliche Diktatur ist ein Oxymoron, doch weil das Kind mehr Mensch ist als der Erwachsene, der insgeheim weiß, dass er sein Erwachsensein mit der Preisgabe seines Menschseins erkauft, lässt sich damit wunderbar ein Wertekonsens durchdrücken, der garantiert gegen die Wählerinteressen gerichtet ist.

Die (oppositionelle) Videoclip-Effekthascherei tritt gegen die patriarchalische Wohlstandspropaganda (Pinochets) an. Während Saavedra den Jargon der Werbung dazu nutzt, den Chilenen die Demokratie (als Produkt und nicht als Staatsform) zu verkaufen, nutzt Regisseur Larrain den zeitgenössischen Found-Footage-Stil um den Kinogänger maximal zu erreichen. Ein zusätzliches Gimmick sind die Aufnahmen eines ¾-Sony-U-matic-Magnetbandes, die den Standard für die TV-Nachrichten vor 1990 darstellten. Für einige, wie Saavedras Ehefrau, ist dieser Werbespot ein Verrat an den Opfern des Widerstandes, denn es sind eben diese Spots, die die Zerstörung individueller Urteilskraft zugunsten der Anerkennung eines Produktes befördern. Auch wenn das in diesem konkreten Fall bedeutet, dass Pinochet geht. Wenn die Feder mächtiger ist als das Schwert, dann ist das Simulakrum mächtiger als die blutrünstigste Diktatur.

Joris J.

¡No!“ Regie/Drehbuch: Pablo Larraín, Darsteller: Antonia Zegers, Diego Munoz, Alfredo Castro, Jaime Vadell, Luis Gnecco, Gael García Bernal, Kinostart: 07.März 2013