72. Berlinale: AXIOM von Jöns Jönsson


AXIOM © Martin Valentin Menke / Bon Voyage Films

Der Schein trügt

Wer kennt ihn nicht, den Schlag Mensch, der bei jedem Gesprächsthema mit tollen Anekdoten auftrumpfen kann? Bei dem man jedoch das Gefühl einfach nicht loswird, dass diese vollkommen aus der Luft gegriffen sein könnten. Julius (Moritz von Treuenfels) ist so einer. Er wirkt stets charmant, eloquent, ist adrett gekleidet und verwickelt sein Gegenüber gerne in eine lockere Unterhaltung. Mit seinen Freunden kann er genauso gut, wie mit spontanen Bekanntschaften im Bus. Angeblich kommt er aus einer adeligen Familie. Das hat er zumindest seinen Arbeitksolleg*innen im Wachdienst eines Kölner Kunstmuseums erzählt, als er sie zu einem Segeltörn auf das Boot seiner Eltern eingeladen hat. Doch auf dem Weg dorthin kommen ihnen erste Zweifel. Und als aus dem Trip wegen eines dramatischen Zwischenfalls nichts wird, beginnt Julius‘ glänzende Fassade auch in anderen Situationen zu bröckeln.

AXIOM von Jöns Jönsson zeichnet das faszinierende Porträt einer Person, die sich vordergründig scheinbar immer wieder neu erfindet. Tatsächlich baut Julius allerdings für jede Person in seinem Umfeld eine neue Identität auf. Um sich dabei nicht in seinem feingesponnenen Netz aus notorischen Lügen zu verfangen, scheut er keine moralischen Grenzen. (Achtung: Spoiler!) Mal täuscht er einen epileptischen Anfall vor und lässt sich von seiner Mutter im Krankenhaus abholen. Ein anderes Mal behauptet er, dass seine Eltern drogenabhängig waren und mittlerweile verstorben sind.

Mit einem präzisen Blick für zwischenmenschliche Interaktionen gelingt es Jönsson, die Figur von Julius nicht einfach als schlechten oder böswilligen Menschen darzustellen. Es ist ungemein spannend, dessen Leben im Film zu verfolgen und herauszufinden, wie sein Innenleben eigentlich funktioniert. Je mehr sein „wahres Ich“ und die Hintergründe seines Handelns unter der Oberfläche durchzuscheinen beginnen, desto tragischer muten seine zu Beginn noch urkomisch wirkenden Versuche an, mit denen er sich aus der Affäre zu ziehen versucht. Dies ist vor allem der großartigen schauspielerischen Leistung von Moritz von Treuenfels und dem klaren Fokus der Inszenierung zu verdanken. Szenen werden meist in einzelnen Einstellungen ohne Schnitte wiedergegeben und die Kamera folgt dem Geschehen von einem festen Standpunkt aus mit präzisen Schwenks.

AXIOM Trailer

Auf diese Weise lässt sich genau nachvollziehen, wie Julian sein manipulatives Vorgehen zu gestalten weiß. Bei jedem Gespräch tastet er sich vorsichtig heran, wie viel sein Gegenüber über das jeweilige Thema weiß, um dann mit angeblichem Fachwissen blenden zu können. Gleichzeitig hört er genau zu, wenn er eine interessante Erfahrung geschildert bekommt, um diese in einem anderen Kontext als eigenes Erlebnis auszugeben. Bei direkter Konfrontation reagiert er ausweichend und versucht, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Während seine zahlreichen simultanen Scheinwelten anfangs noch amüsant anmuten, spiegeln sich darin auch die Maschen von realen Hochstaplern, die sich auf diese Weise durchs Leben und beruflich bis in führende Positionen gemogelt haben.

Julian scheint mit seinem Verhalten jedoch keine ambitionierten Pläne zu verfolgen. Es ist für ihn vielmehr ein Mittel zum Zweck, um Menschen nicht zu nah an sich heranzulassen. Er baut sich mit jeder neuen Identität einen porösen Schutzpanzer auf, bis er damit aufzufliegen droht und weiterzieht. AXIOM ist ein Lichtblick in der deutschen Filmlandschaft. Jönsson ist es gelungen, eine vielschichtige Studie über eine komplexe Figur zu drehen, die trotz aller Ernsthaftigkeit blendend zu unterhalten weiß.

Henning Koch

AXIOM, Regie: Jöns Jönsson, Darsteller*innen: Moritz von Treuenfels, Ricarda Seifried, Thomas Schubert, Petra Welteroth, Max Themak