72. Berlinale: SCHWEIGEND STEHT DER WALD von Saralisa Volm


SCHWEIGEND STEHT DER WALD © POISON/if… Productions

Mysteriöser Mord im Wald

In einem kleinen Ort in der Oberpfalz absolviert die 28-jährige Studentin Anja Grimm (Henriette Confurius) ein Forstpraktikum. Es ist das Jahr 1999. Genau zwanzig Jahre zuvor hat Anja die Ferien mit ihren Eltern auf einem Hof im selben Ort verbracht. Während dieses Urlaubs verschwand Anjas Vater, als er zu einer Wanderung durch den nahen Wald aufbrach, von der er nie zurückkehrte. Bis heute weiß Anja nicht, was ihm zugestoßen ist.

Anja hat nun den Auftrag, ausgerechnet dort den Wald zu kartieren und Bodenproben zu nehmen, wo damals schon ihr Vater ungewöhnliches Pflanzenwachstum entdeckte und notierte. Schnell erkennt auch Anja, die ein Talent dafür hat, den Wald zu lesen, dass mit dem Boden etwas nicht stimmt. Im Waldboden gibt es seltsame Kalkablagerungen und es scheint tief gegraben worden zu sein, aber warum? Als Xaver Leybach (Christoph Jungmann), ein älterer Dorfbewohner, Anja im Wald mit einem Gewehr bedroht und kurz darauf seine Mutter mit einem Spaten erschlägt, geht Anja zur Polizei und verlangt, dass diese den Fall ihres Vaters neu aufrollt – und im Wald nach seiner Leiche gräbt. Als Mörder ihres Vaters hat sie Xaver in Verdacht, den sie noch aus ihrem damaligen Urlaub kennt.

Doch nicht nur bei Kommissar Konrad Dallmann (Robert Stadlober) und dessen Vater Gustav (August Zirner), sondern auch bei ihrem Kindheitsfreund Rupert Gollas (Noah Saavedra) und dessen verschuldeter Familie, die aus dem Wald einen Märchenwald für Tourist:innen machen will, stößt sie auf Widerstand. Die Dorfgemeinschaft fühlt sich durch Anjas beharrliche Nachforschungen bedroht und scheint etwas Großes vor ihr zu verbergen, doch Anja ist fest entschlossen, das Rätsel um ihren Vater und die mysteriösen Geschehnisse im Wald zu lösen, auch wenn sie sich damit in Gefahr bringt.

Mit SCHWEIGEND STEHT DER WALD, ihrem Langfilmdebüt als Regisseurin, verfilmt Saralisa Volm, die Jan Henrik Stahlbergs FIKKEFUCHS mitproduzierte und auch als Schauspielerin und Autorin in Erscheinung tritt, den gleichnamigen Roman des Krimiautors Wolfram Fleischhauer, der auch das Drehbuch zum Film verfasste. Die an Originalschauplätzen gedrehte, mit Bildern des düsteren, nebelverhangenen Waldes durchzogene und mit einem hervorragenden Schauspielensemble inszenierte Geschichte bleibt trotz mancher Längen bis zum unerwarteten Schluss spannend.

In der zweiten Hälfte des Films, der in der Sektion Perspektive Deutsches Kino der 72. Berlinale seine Weltpremiere feierte, verschmilzt Anjas Geschichte immer mehr mit dem Geheimnis der Dorfbewohner:innen um ein Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Eine etwas vertieftere, genauere Darstellung der damaligen Geschehnisse im Ort, die mit dem ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg in Zusammenhang stehen, hätte dem Film möglicherweise gut getan und ihm noch mehr Relevanz verliehen.

Gegen Ende des Films zieht Anja eine Parallele zum Märchen von Hänsel und Gretel. Diese hätte, wäre sie schon zu Beginn des Films eingeflochten und fortlaufend entfaltet worden, der ganzen Geschichte noch mehr Doppelbödigkeit bescheren können, vor allem, da auch der geplante Märchenwald, unter dem die Dorfbewohner:innen ihre Vergangenheit buchstäblich begraben wollen, immer wieder Erwähnung findet.

SCHWEIGEND STEHT DER WALD kommt dennoch als packender, dunkler und mysteriöser Thriller mit einer starken Protagonistin und dem als Zeugen der Verbrechen inszenierten Wald als weiterem Hauptdarsteller daher, in dem vor allem gegen Ende ein erschütternder Teil deutscher Geschichte in den Fokus rückt. Erst Anja, eine mutige und entschlossene junge Frau von außerhalb, legt das kollektive Schweigen mehrerer Generationen einer Dorfgemeinschaft offen, die zu allem bereit ist, um sich selbst vor Konsequenzen für das eigene Handeln während der NS-Zeit zu schützen.

Stefanie Borowsky

SCHWEIGEND STEHT DER WALD, Regie: Saralisa Volm. Mit: Henriette Confurius, Noah Saavedra, Robert Stadlober, August Zirner, Johanna Bittenbinder, Christoph Jungmann, Johannes Herrschmann.

Termine bei der 72. Berlinale:
Donnerstag, 17. Februar, 14:30 Uhr, Cubix 6
Freitag, 18. Februar, 18:00 Uhr, CinemaxX 1
Freitag, 18. Februar, 18:00 Uhr, CinemaxX 2
Samstag, 19. Februar, 14:00 Uhr, International
Sonntag, 20. Februar, 21:00 Uhr, CinemaxX 2
Sonntag, 20. Februar, 21:00 Uhr, CinemaxX 1