74. Berlinale: ELLBOGEN von Aslı Özarslan


Premiere auf der Berlinale 2024: ELLBOGEN von Asli Özarslan. Foto: Berlinale/ Massimo Di Nonno, Achtung Panda
Premiere auf der Berlinale 2024: ELLBOGEN von Asli Özarslan. Foto: Berlinale/ Massimo Di Nonno, Achtung Panda

Hazal sieht rot

Hazal (Melia Kara) ist wütend. Die 17-Jährige mit türkischen Wurzeln ist in Berlin-Wedding aufgewachsen, aber vollumfänglich akzeptiert fühlt sie sich in Deutschland nicht. Hazal, die regelmäßig Alltagsrassismus erlebt, träumt davon, endlich eine Ausbildung machen und auf eigenen Füßen stehen zu können, doch trotz einjährigem Bewerbungstraining will es einfach nicht klappen. So jobbt sie weiterhin ohne große Lust mit ihrer Mutter in einer Bäckerei. Hazals einziger Lichtblick sind ihre Freundinnen Elma (Jamilah Bagdach), Gül (Asya Utku) und Ebru (Nurgül Ayduran), mit denen sie am liebsten tanzt, trinkt, kifft, feiert und um die Häuser zieht.

Hazals 18. Geburtstag soll – natürlich – ein ganz besonderer Abend werden. Nach einer tristen Familienfeier bei Hazal zuhause stylen sich die Freundinnen auf und ziehen los. In ihrem neuen silberfarbenen Kleid und den glitzernden High Heels hofft Hazal, in den geilsten Club Berlins gelassen zu werden, doch keine Chance: Der Türsteher weist das Geburtstagskind und ihre Freundinnen ab. Wütend und enttäuscht über die erneute Zurückweisung will Hazal nur noch weg. Als sie auf dem Rückweg in der U-Bahn von einem Studenten bedrängt wird, der sie mit den Worten „Hey schöne Frau, kommst du gerade von einer türkischen Hochzeit?“ zum Tanzen zwingen will und auch nach wiederholter Zurückweisung nicht von Elma und ihr ablässt, sieht Hazal rot.

Nach der Tat sieht Hazal nur noch einen Ausweg: Hals über Kopf flüchtet sie nach Istanbul, wo sie spontan bei ihrem Online-Freund Mehmet (Doğa Gürer), der ebenfalls in Deutschland aufgewachsen ist, und dessen Mitbewohner Halil (Haydar Şahin) unterkommt. Doch auch in Istanbul muss sie die Erfahrung machen, nicht richtig dazuzugehören, erlebt Accent Shaming und muss sich als naiv in Bezug auf die Situation der Kurd*innen in der Türkei bezeichnen lassen. Noch dazu stellt sich heraus, dass Mehmet und Halil nicht die sind, für die Hazal die beiden hält. Als plötzlich die türkische Polizei vor der Tür steht, scheint Hazals Zukunft nur noch in eine Richtung zu weisen.

Die 1986 geborene Regisseurin Aslı Özarslan studierte Dokumentarfilmregie an der Filmakademie Baden- Württemberg und gewann 2016 mit ihrem Abschlussfilm DIL LEYLA über die 26-jährige, in Bremen aufgewachsene Kurdin Leyla, die jüngste Bürgermeisterin der Türkei, mehrere Preise. Mit ELLBOGEN, ihrem Erstlingsfilm, adaptiert sie den preisgekrönten 2018 erschienenen gleichnamigen Debütroman von Fatma Aydemir. Die Romanautorin, ebenfalls Jahrgang 1986, gab 2019 gemeinsam mit Hengameh Yaghoobifarah die viel beachtete Essaysammlung „Eure Heimat ist unser Albtraum“ heraus und erhielt mehrere Literaturpreise, u. a. den Franz-Hessel-Preis für „Ellbogen“.

Mit der filmischen Adaption, die sie bei der 74. Berlinale in der Sektion Generation 14plus präsentierte und deren Drehbuch sie gemeinsam mit Claudia Schaefer schrieb, wirft Regisseurin Aslı Özarslan gesellschaftlich relevante Fragen nach Zugehörigkeit, Integration und Toleranz auf. Ihr gelingt das Kunststück, trotz Hazals erschütternder Tat beim Filmpublikum Mitgefühl und Sympathie für die junge Frau zu wecken, denn die aufsässige Hazal ist viel mehr als nur Täterin: Sie ist auch Opfer, aber vor allem eine komplexe Frauenfigur, die in einem kurzen Moment ihres jungen Lebens die Kontrolle verliert – und deren Zukunft sich in diesem einen Augenblick auf entscheidende Weise verändert.

Nicht nur ist Aslı Özarslan trotzig-raubeinige, zwischen Berlin und Istanbul angesiedelte Coming-of-Age-Geschichte konsequent aus Hazals Perspektive erzählt. Auch die Kamera bleibt immer nah an Hazal, ihrem Gesicht und ihren Emotionen, was eine große Nähe und Unmittelbarkeit kreiert. Durch viele mit Handkamera gefilmte Szenen, harte Schnitte und die passende Musik, u. a. „Braune Augen“ der beiden jungen Komponistinnen und Sängerinnen Jamilah (die auch die Rolle der Elma spielt) und Hadaya Bagdach, überträgt sich die Intensität der Gefühle der jungen Frau auf die Zuschauer*innen.

Aslı Özarslan zeigt die mitunter schwierige Identitätssuche zwischen unterschiedlichen Kulturen auf, macht mögliche Folgen von fehlender Chancengleichheit, von Rassismus und alltäglichen Mikroaggressionen durch Menschen ohne Migrationshintergrund unmissverständlich klar und verurteilt ihre eigensinnige Antiheldin, überzeugend verkörpert von der jungen Darstellerin Melia Kara, trotz ihrer Tat nicht. Hazals Schicksal stößt unbequeme Gedanken an gesellschaftliche Machtmechanismen, Gewaltspiralen und Mitverantwortung an – und wühlt noch lange nach dem Kinobesuch auf.

Stefanie Borowsky