76. Berlinale: SAD GIRLZ (OT: CHICAS TRISTES) von Fernanda Tovar – Gläserner Bär

Starke Freundinnen
La Maestra (Rocio Guzmán) und Paula (Darana Álvarez) wachsen in Mexiko-Stadt auf, sind 16 Jahre alt und nicht nur die ehrgeizigsten Schwimmerinnen ihres Teams, die mit vollem Einsatz für die Junior Pan American Swimming Championships in Brasilien trainieren, sondern auch die besten Freundinnen. Doch nach einer Silvesterparty, auf der Paula Zeit mit ihrem Schwarm Daniel, einem Jungen aus dem Schwimmteam, allein verbracht hat, verändert sich Paula plötzlich – und möchte nicht darüber sprechen, was genau passiert ist. Durch beharrliches Nachbohren findet Maestra schließlich heraus, was der Grund dafür ist. Der Umgang mit dem Ereignis stürzt die enge Freundschaft der Teenagerinnen in eine tiefe Krise, denn beide reagieren ganz unterschiedlich darauf.
Fernanda Tovar, 1991 in Mexiko-Stadt geboren und Berlinale Talents Guadalajara- und Latin America-Alumna, zeichnet für Drehbuch und Regie verantwortlich. Ihren Kurzfilm MI EDAD, LA TUYA Y LA EDAD DEL MUNDO über ihre Großmutter, die bei einem Erdbeben ihre Habseligkeiten verlor, durfte Tovar 2022 bei der Semaine de la Critique in Cannes vorstellen. Für ihren Debüt-Langspielfilm über relevante Themen wie sexualisierte Gewalt sowie Freundschaft und Zusammenhalt unter Mädchen und jungen Frauen, SAD GIRLZ, eine mexikanisch-spanisch-französische Koproduktion, gewann Tovar den Gläsernen Bären für den Besten Film in der Sektion Generation 14plus der Berlinale 2026.
Die Stärke des Coming-of-Age-Films liegt in der genauen Beobachtungsgabe, mit der die Regisseurin offenlegt, wie sehr die Gewalterfahrung, die Paula erlebt und die auf der Leinwand bewusst nicht zu sehen ist, die Betroffene selbst, aber auch die enge Freundschaft der beiden Mädchen belastet. Tovar stellt Paula und La Maestra und deren enge Verbindung zueinander, die sich in wiederkehrenden Gesten wie etwa dem gemeinsamen Strecken der Hände gen Himmel spiegelt, in den Mittelpunkt ihres Films. Auch das Wasser spielt eine zentrale Rolle: nicht nur als Trainingsort, sondern als Element, aus dem sie Kraft schöpfen und in dem sich beide sicher und frei fühlen und Zugang zueinander finden – zumindest wenn sie unter sich sind und ihre Körper vor den Blicken der männlichen Teammitglieder verbergen können.
Sexualisierte Gewalt ist, so zeigt Tovar, ein Tabuthema in der mexikanischen Gesellschaft, in der ihre jungen Protagonistinnen aufwachsen: Die Mädchen lernen nicht in der Schule oder in ihrer Familie, sondern erst nach der Tat durch eine Konversation mit ChatGPT, das Geschlechtsverkehr ohne Consent sexualisierte Gewalt ist – und dass Paula vergewaltigt wurde. Während La Maestra gegen den Täter vorgehen will, der wie so oft kein Fremder ist, sondern aus dem Umfeld des Opfers stammt, möchte Paula das Erlebte am liebsten vergessen. Und Daniel, der Täter, den Paula beim Schwimmtraining weiterhin sehen muss? Der fragt Paula ganz selbstverständlich nach Dates, als sei nichts passiert.
Trotz der fast allgegenwärtigen toxischen Männlichkeit prägen den Film auch zwei positive männliche Figuren: Maestras Bruder, der immer für sie da ist, sowie Paulas Vater, der mit seiner Tochter zusammenlebt. Und doch traut sich Paula nicht, ihrem Vater zu erzählen, was passiert ist. Zu groß ist die Angst, er könne sie plötzlich mit anderen Augen sehen. Die Mädchen haben gesellschaftliche Victim-Blaming-Narrative so sehr verinnerlicht, dass sie die Schuld für den Übergriff teilweise bei sich selbst suchen. Dennoch verlieren die beiden ihre Ziele und Träume nicht aus den Augen – auch das ist eine wichtige Botschaft des Films. Paula darf mehr sein als „nur“ Überlebende sexualisierter Gewalt und weiterhin auch fröhliche und unbeschwerte Momente erleben. Fernanda Tovar begegnet ihrer Protagonistin mit viel Respekt, gibt ihr und auch ihrem direkten Umfeld Zeit, zu begreifen, was ihr passiert ist, und verzichtet auf jeglichen Voyeurismus.
Fernanda Tovars SAD GIRLZ, in dem sie die Realität junger Frauen realitätsnah, differenziert und mit viel Feingefühl abbildet, reiht sich in eine Auswahl starker Filme von Regisseurinnen mit ähnlichem Fokus ein, die auf der Berlinale 2026 zu erleben waren: 17 von Kosara Mitić aus Nordmazedonien und EN ROUTE TO von Yoo Jaein aus der Republik Korea über zwei Teenagerinnen, die nach einer Vergewaltigung oder nach einer missbräuchlichen Beziehung ungewollt schwanger und damit alleingelassen werden, sind nur zwei Beispiele, die im Gedächtnis bleiben. Die eindrücklich-feministischen Geschichten von jungen Frauen, die in patriarchalisch geprägten Gesellschaften ausgebeutet werden, machen deutlich, wie viel es beim Thema der sexualisierten Gewalt gegen Frauen noch aufzuklären und anzuprangern gilt – weltweit und nicht nur am Internationalen Frauentag.
SAD GIRLZ (OT: CHICAS TRISTES), Regie: Fernanda Tovar; Darsteller*innen: Rocio Guzmán, Darana Álvarez, Tatsumi Milori, Tomás García-Agraz, Mónica del Carmen.