FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch


Tom Waits als eigenbrötlerischer Vater, der allein in einer abgelegenen Hütte in New Jersey lebt. (© Vague Notion, photo Frederick Elmes)
Tom Waits als eigenbrötlerischer Vater, der allein in einer abgelegenen Hütte in New Jersey lebt. (© Vague Notion, photo Frederick Elmes)

Wir kennen uns doch gar nicht

Am wenigsten kennen uns diejenigen, die uns in die Welt gebracht oder geworfen haben. Und auch Eltern können ihren Kindern Zeit ihres Lebens ein absolutes Mysterium bleiben. Das sind die einfachen und ja gut nachvollziehbaren Thesen, die Jarmusch in seinem Dreiakter FATHER MOTHER SISTER FATHER durchdekliniert. Wahl- und Seelenverwandtschaften sowie Zufallsverbrüderungen sind in den wunderbaren Klassikern COFFEE AND CIGARETTES und DOWN BY LAW oder STRANGER THAN PARADISE schon lang seine Themen, aber so nah an die familiären Bande ist er dann vielleicht doch noch nie herangetreten. Vielleicht hatte das einen Grund?

Seine drei unverbundenen Familien-Schauplätze spielen sich an denkbar disparaten Orten ab: Da ist der Eigenbrötler-Vater (herrlich: Tom Waits), der das Haus in der ländlichen amerikanischen Pampa extra liederlich zurecht macht, um dort seine Kinder Emily (Mayim Bialik) und Jeff (Adam Driver) zu empfangen; da ist die Dubliner Grande Dame (Charlotte Rampling), die auf den jährlichen Besuch ihrer sehr unterschiedlichen Töchter Timothea (zugeknöpft-chaotisch, Cate Blanchett) und Lilith (Paradiesvogel und notorische Lügnerin, Vicky Krieps) wartet, und da ist das wunderschöne Zwillingspaar Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat), die in der Pariser Wohnung den Geistern ihrer überraschend verstorbenen Eltern adieu sagen.

Die Kommunikation stolpert, schon in der ersten Szene zwischen Emily und Jeff im Auto. Die Geschwister haben sich nicht viel zu sagen, die Reise zum Vater ist ein Pflichtbesuch. Bei Jeff gibt es wenigstens noch einen Mitleidsschimmer mit dem alten Mann, bei Emily überwiegt von Anfang an das Gefühl, dass sie schnell wieder wegwill. Immergleiche Fragen treffen auf ausweichende, unkonkrete Antworten. Nicht das erzählen, was einen beschäftigt – davon ausgehend, dass es die andere Person ja doch nicht interessiert. Dieses Motiv zieht sich auch durch die in Dublin spielende Episode, die am prominentesten besetzte, und absolut zäheste. Wenn wenigstens jemand die leckeren von Rampling aufgetischten Petit Fours essen würde! Die Supermarktkassiererin weiß hier wahrscheinlich mehr als die Mama. Nur die Zwillinge in Kapitel drei sind qua Zwilling-Sein verbunden, im Einklang, müssen nicht mal etwas fragen, um sich zu verstehen. Jarmusch wäre nicht Jarmusch, wenn er über die stolpernde Kommunikation der anderen Episoden ins Psychologisieren kommt – die Einstellungen dürfen beim Stottern, Schweigen, Verstummen auch enden.

Was Jarmusch-Fans und vielleicht auch Jarmusch-Neulinge dann also doppelt irritieren dürfte, ist die Tatsache, WIEVIEL diese prominent besetzten Charaktere so erzählen. Ständig bittet man sie innerlich, doch bitte mal zu schweigen, und die Irritation wenigstens ein bisschen nachfühlbar zu machen. Um ein schönes Moment einzufangen, eine Stimmung, überhaupt: etwas. Stattdessen geht es verlabert weiter im gegenseitigen Unverständnis-Einerlei.

Am ehesten lässt einen noch die Tom-Waits-Figur in das Konstrukt Familie eintauchen – für ihn hält Jarmusch die einzige wunderbare Pointe zurück. Kapitel zwei wirkt dagegen energielos, und bei Kapitel drei lässt sich das Gefühl nicht abschütteln, dass Jarmusch fern jeder Lebensrealität inszeniert: Paris war noch nie so pittoresk-langweilig außer vielleicht in EMILY IN PARIS.

Dass FATHER MOTHER SISTER BROTHER in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, kann nur mit Jarmuschs generellem Verdienst für das skurril-sympathische Indiekino erklärt werden, seine hier porträtierten Geschwister und Eltern sind viel zu nichtssagend, um irgendetwas Spannendes über Eltern-Kinder-Entfremdungen erzählen zu können.