MICHAEL von Antoine Fuqua

Don’t Stop ’til You Get Enough
Das Musical-Biopic gehört zu den kommerziell erfolgreichsten und gleichwohl uninteressantesten Filmgenres der vergangenen Jahrzehnte. Jedes Jahr erscheinen eine Handvoll Filme, die sich einer oder einem bekannten Künstler_in widmen und deren/dessen tragische Geschichte von den Anfängen über die ersten Erfolge bis zum Durchbruch, dem Absturz und im besten Fall dem Comeback erzählen. Variationen liefern allenfalls der Musikstil und biografische Details. Ray Charles, Johnny Cash, Edith Piaf, Freddie Mercury, Judy Garland, Ian Curtis, Bob Marley, Whitney Houston, Ma Rainey, Billie Holiday, Marilyn Monroe, Elvis Presley, Amy Winehouse und zuletzt Bob Dylan und Bruce Springsteen – es ist für alle was dabei. Drogenmissbrauch, Depressionen, künstlerische Krisen – alles schon gesehen.
Leider folgen diese Filme überwiegend dem immer gleichen Muster, sind in gewißer Weise verdrehte Heldengeschichten für treue Fans und Menschen, die sich gerne Geschichten über berühmte Leute anschauen. Wie kommerzielle Radioprogramme, die den ewig gleichen Mix an großen Hits aus den „1980er, 1990ern und von heute“ anbieten, um das breite Publikum nicht mit Ausgefallenem, Interessanten oder – Gott bewahre! – Inspirierendem zu verschrecken, wie Streaming-Abonnenten, die ihre ewig gleichen Lieblingslieder immer wieder rauf- und runterdudeln, weshalb die großen Hits heute gefühlt Jahre auf den gleichen Chartpositionen verharren, sind die Musical-Biopics in der Regel auch nicht daran interessiert, Neues, Überraschendes oder gar Verstörendes über die beliebten Stars zu erzählen. Stattdessen werden die sattsam bekannten biografischen Fakten einem bebilderten Wikipedia-Eintrag gleich abgespult ohne auch nur den Anflug von Spannung zu erzeugen.
Man könnte sich natürlich des eigentlichen Materials annehmen, der Musik, die jene Künstler zu berühmten Leuten gemacht hat und diese in eine ansprechende, im besten Fall inspirierende Erzählung einbinden. Man könnte die beliebten Songs nutzen, sie zum Träger der Erzählung machen und sie auf diese Weise sinnvoll einsetzen. So hat z.B. Dexter Fletchers ROCKETMAN (2019) das Leben seines Helden als flamboyantes Musical inszeniert. Für die Geschichte des etwas dicklichen, bebrillten Reginald Kenneth Dwight hätte sich wohl kaum jemand interessiert, wenn dieser sich nicht zum musikalischen Genie Elton John verwandelt hätte. Jeder Song im Film präsentiert eine bestimmte Phase im Leben des Helden und gewinnt dadurch an zusätzlicher Bedeutung. Durch die visuelle Gestaltung können die Lyrics, die ja ursprünglich einen anderen Sinn hatten, im Kontext des Films neu und anders gelesen werden. ROCKETMAN ist gewiss kein Meisterwerk, er stellt aber zumindest den Versuch dar, aus dem ewigen Einerlei des Musical-Biopics auszubrechen und ist im Ergebnis, zumindest im Vergleich zu den meisten anderen Werken des Genres, geradezu spektakulär kreativ. Etwas Vergleichbares kann man über MICHAEL, den neuen Film von Antoine Fuqua, leider nicht sagen.
Dabei hätte das Leben des größten Popstars der Geschichte doch reichlich Material geliefert. Der „King of Pop“ war ja eben nicht nur ein außerordentlich erfolgreicher Musiker. Einer tragischen Kindheit und dem kometenhaften Aufstieg folgt der Absturz in die Abgründe eines mutmaßlichen Kinderschänders. Diesen Fragen, wie das Missbrauchsopfer selbst zum Täter wurde und wie eine Industrie, die sein kommerzielles Potential ausschlachtete, dieses Verhalten noch deckte und Millionen von Fans ihn noch feierten, als die Vorwürfe längst bekannt waren, geht MICHAEL freilich nicht nach. Stattdessen strikt der Film an einer Heldensaga, die dunkle Aspekte seines Charakters weitgehend ausspart.
Michael Jacksons Karriere beginnt Ende der 1960er Jahre als jüngstes und mit Abstand talentiertestes Mitglied der Jackson 5. Die Band, allesamt Brüder, wird von Vater Joseph gnadenlos auf Erfolg getrimmt. Jeden Abend wird Gesang und Tanz geübt. Bei Widerspruch holt Joseph seinen Ledergürtel raus. Schon bald feiert die Band erste Erfolge und wird vom auf Soulmusik spezialisierten Label Motown engagiert. 1969/70 platzieren die Jackson 5 als erster Act überhaupt ihre ersten vier Singles auf Platz 1 der Billboard Charts. Auch wenn Joseph die Band als Familienunternehmen organisiert, ist den meisten Beteiligten früh klar, dass der Erfolg vor allem an dem kleinen Michael (Juliano Valdi) hängt.
Schnell springt der Film in die späten 1970er Jahre, als Michael, inzwischen 20 Jahre alt, sein erstes (und bestes) Soloalbum, das Disco-Funk-Amalgam „Off The Wall“ veröffentlicht. Mit ca. 20 Millionen verkauften Einheiten ist es die bis dahin erfolgreichste Platte eines schwarzen Musikers. Joseph gönnt seinem Jüngsten den Erfolg, zwingt ihn aber, weiterhin mit seiner inzwischen in The Jacksons umbenannten Familienband aufzutreten. Daran ändert auch der astronomische Erfolg von Michaels zweiten Studioalbum zunächst nichts. „Thriller“ ist mit bis heute mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern das erfolgreichste Album der Musikgeschichte. Verkaufszahlen, von denen im Zeitalter des Musicstreamings auch die größten Stars nur träumen können. Mit „Thriller“ wird Michael Jackson nicht mehr nur als schwarzer Musiker wahrgenommen. Er ist der größte Popstar der Welt. Weiße Musiker wie Paul McCartney oder Eddie Van Halen arbeiten gerne mit ihm (werden im Film aber nicht erwähnt) und selbst MTV, dass sich bis dahin – heute kaum noch nachvollziehbar – ausschließlich an ein weißes Publikum richtete, zeigt nun seine aufwendig inszenierten Videos.
Als Entertainer ist Michael Jackson ein komplettes Ereignis. Er komponiert exzellente Popsongs, singt mit glockenklarer Stimme und er tanzt wie ein junger Gott. Die Welt liegt diesem jungen Mann, der sich inzwischen auch optisch immer weiter von seiner afroamerikanischen Herkunft entfernt, zu Füssen. Einzig Joseph glaubt, ihn weiterhin kontrollieren zu können. Der schüchterne, vor allem gegenüber seinem Vater introvertiert auftretende Michael, ringt lange mit sich, ehe er vor der Veröffentlichung seines dritten, abermals sagenhaft erfolgreichen Albums „Bad“ (1987) den Bruch wagt. Der Film endet nach einem Auftritt in der „Bad“-Montur in London mit den Worten „His Story Continues“.
Ob dieser letzte Satz ein Hinweis auf einen zweiten Teil ist, der dann auch die schwierigen Aspekte von Jacksons Persönlichkeit beleuchtet, wissen wohl nur die Beteiligten. Ob man sich ein Sequel zu diesem Film wünscht, ist eine ganz andere Frage. Denn auch wenn MICHAEL ca. 30 Jackson-Songs unterbringt, und damit das Bedürfnis der Fans nach den großen Hits bedient, hetzt der Film doch reichlich uninspiriert durch verschiedene Stationen von Jacksons früher Karriere. Er zeigt viele ikonische Momente: Auftritte der Jackson 5 im amerikanischen Fernsehen, eine erste Studiosession mit Jazz-Legende Quincy Jones, der die drei ersten Soloalben Michaels produzieren wird, das Einstudieren der Choreographie zum „Beat It“-Video mit vermeintlichen Gangmitgliedern, der Zombie-Tanz im „Thriller“-Video und natürlich der legendäre Auftritt beim TV-Special zum 25jährigen Motown-Jubiläum, bei dem Jackson „Billie Jean“ singt und der Welt den Moonwalk vorstellt.
Doch das alles ist letztlich auf Hochglanz poliertes Reenactment, das versucht, den Zauber des Originals zu beschwören und dabei doch unverkennbar eine blutleere Kopie bleibt. Der Person Michael Jackson kommt der Film dabei nicht näher. Zwar stellt MICHAEL das unglückliche Verhältnis des Protagonisten zu seinem Vater ins Zentrum der Geschichte, hat aber außer dem (durchaus berechtigten) Vorwurf der Ungerechtigkeit und des manipulativen Verhaltens Josephs nicht viel anzubieten. Tiefgang = Fehlanzeige. Michael selbst wird dagegen als engelsgleiches Genie dargestellt, das abgesehen von einer etwas exzentrischen Tierliebe (ja, es gibt ihn, den computeranimierten Auftritt von Bubbles) eigentlich alles richtig macht. Wenn er auf Toys’R’Us-Shoppingtour geht und sich um kranke Kinder kümmert, mag das historisch sogar korrekt sein. Es hinterlässt aber angesichts der bekannten Vorwürfe und der Tatsache, dass diese im Film so gar nicht thematisiert werden, einen unangenehmen Beigeschmack.
Am Hauptdarsteller liegt das weniger. Jaafar Jackson, ein Neffe der Hauptfigur, kann unzweifelhaft sehr gut tanzen. Das können die zahlreichen Jackson-Imitatoren, die z.B. bei Stars-In-Concert auftreten aber auch. Was Jaafar Jacksons schauspielerisches Talent angeht, kann man es allenfalls erahnen. Der junge Mann hat durchaus Charisma und Leinwandpräsenz. Allein Drehbuch und Regie fordern ihn kaum. Colman Domingo auf der anderen Seite, der Joseph Jackson als schmieriges Scheusal gibt, ist in einer Phase seiner Karriere, in der er kaum etwas falsch machen kann. Sein Auftritt in MICHAEL wird aber gewiss nicht als Höhepunkt seiner Karriere in Erinnerung bleiben.
Was neben der verlogenen Inszenierung am meisten aufstößt, ist die visuelle Gestaltung. MICHAEL sieht unheimlich steril aus. Wie die Erzählung erzeugen auch die Bilder keinerlei Tiefe. Alles wirkt künstlich und aufgesetzt. Ein Problem, das schon BOHEMIAN RHAPSODY (2018) hatte, das ebenfalls von Graham King produziert wurde. Selbst wenn man die Musik Michael Jacksons mag, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, einen doch recht hässlichen Film zu sehen. Weil die Musik aber über jeden Verdacht erhaben ist, wird der Film sehr wahrscheinlich irre viel Geld einspielen und Hollywood wird daraus die Lektion ziehen, noch mehr Musical-Biopics unters Volk zu bringen. In zwei Jahren will Oscarpreisträger Sam Mendes zeitgleich vier Beatles-Filme veröffentlichen, je einen pro Beatle. Es bleibt nur zu hoffen, dass Mendes uns dann wirklich etwas Interessantes zu erzählen hat und sein Beatles-Projekt nicht so langweilig ist, wie dieser unterm Strich völlig überflüssige Film.
MICHAEL läuft ab 22. April im Kino.
MICHAEL , Regie: Antoine Fuqua, Darsteller_innen: Jaafar Jackson, Colman Domingo, Nia Long, Juliano Valdi, KeyLyn Durrel Jones, Miles Teller u.v.a.