THE CHRONOLOGY OF WATER von Kristen Stewart


THE CHRONOLOGY OF WATER © eksystent Filmverleih
THE CHRONOLOGY OF WATER © eksystent Filmverleih

Was bedeutet es, eine Frau zu sein?

Mit THE CHRONOLOGY OF WATER zeigt Kristen Stewart ihr mehr als erfolgreiches Filmdebüt als Regisseurin. Eigentlich bekannt aus den Twilight-Filmen, hat sie dieses Image schon längst hinter sich gelassen. 2022 war sie Jurypräsidentin der 73. Berlinale, 2024 war sie auf demselben Filmfestival im Film LOVE LIES BLEEDING zu sehen. Sie ist eine starke Persönlichkeit, deshalb wundert es nicht, dass sie sich ein schweres Thema ausgesucht hat. THE CHRONOLOGY OF WATER adaptierte Kristen Stewart nach der gleichnamigen Vorlage der Autorin Lidia Yuknavitch. In ihren Memoiren „Die Chronologie des Wassers“ schildert sie die Geschichte des sexuellen Missbrauchs durch ihren Vater.
Lidia (Imogen Poots) verkraftet die traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit nicht – wie sollte sie auch? Ihr Vater hat ihre Schwester und sie jahrelang sexuell missbraucht. Ihre Mutter fügt sich ihrem Schicksal, denn sie kämpft selbst mit Alkoholismus. Wie geht Lidia damit um? Intime und grausame Bilder zeigen sie ungeschönt: Sie versucht, sich abzulenken, experimentiert sexuell mit Männern und Frauen und rutscht zunehmend in Drogen- und Alkoholsucht. Die Fragmente ihrer Erinnerungen wirken desorientierend – aber genauso sind Erinnerungen: Sie erscheinen nicht in chronologischer Reihenfolge.
Kristen Stewarts Film ist laut und unbequem. Er schreit einem geradezu ins Gesicht und zwingt dazu, hinzusehen, wie gewaltvoll und brutal Lidia leiden muss – wie Frauen leiden müssen. Beim Hinsehen wird einem schlecht angesichts der unvorstellbaren Dinge, die Lidia widerfahren. Blut, Sex, Körperflüssigkeiten, Vergewaltigung – alles wird in Nahaufnahme gezeigt, Körper, die Schmerz erfahren, und Dinge, die sonst im Alltag verborgen bleiben, treten ans Licht. Das ist kaum zu ertragen, eine schmerzhafte, aber auch wichtige Filmerfahrung. Wichtig, weil solche grauenvollen Ereignisse öffentlich gemacht werden müssen, um dem Patriarchat und dem gesamten System entgegenzuwirken.
Kristen Stewart traut sich, ein Thema zu zeigen, das viele Frauen erleben: die unterschiedlichsten Formen von Gewalt – sei es physisch oder psychisch. Meistens sind es Männer, die ihre Grenzen gewaltsam überschreiten. Schon im Mädchenalter müssen sich viele Mädchen vor Gewalt in Acht nehmen. Der mögliche sexuelle Missbrauch durch den eigenen Vater ist zwar unvorstellbar, aber leider durchaus realistisch. Viele Mädchen und Frauen schweigen daraufhin, weil es ihnen beigebracht wurde: leise und brav zu sein und bloß nicht aufzufallen. Am besten traumatische Ereignisse hinwegzulächeln. Diese Struktur ist gefährlich, unterdrückend und verbirgt gleichzeitig ein großes Potenzial von Scham. Dies zeigt sich auch im nach wie vor aktuellen Fall von Jeffrey Epstein, etwa darin, wie mit Opfern und Tätern umgegangen wird.
Der Film triggert auf jeder Ebene, deshalb sollte man THE CHRONOLOGY OF WATER nicht unbedacht im Kino sehen. Trotzdem ist der Film sehr empfehlenswert – nicht zuletzt wegen Imogen Poots, die Lidia spielt: Mit ihrer hypnotisierenden Art ist sie einzigartig. Ein unglaublich mutiger Film, der zum Nachdenken anregt und wütend macht.