Busan 2017: Filme aus Asien mit auffällig vielen frauenbezogenen Themen


Die Konvention, dass der Wunsch einer Frau, die Gründung einer eigenen Familie sein sollte, spielt hier immer mit. Die natürliche Ordnung hat es so vorgesehen, dass sie ihre Lebensaufgabe in der Erziehung von Kindern sehen soll. Von Frauen, die diesem Modell entsprechen, aber davon überfordert sind, erzählten verschiedene Filme im Programm des Festivals. Unter dieser Verantwortung zerbrechen viele Frauen, denn es geht vielfach nicht nur um die Kinderbetreuung, sondern auch um die der älteren Verwandten und natürlich um den gesamten Haushalt, während der Mann, sich um die finanzielle Versorgung kümmert. In Asien dominiert weiterhin ein sehr traditionelles Verständnis der geschlechtlichen Rollenaufteilung, bei der die Frau selbst dem Mann gegenüber eine Art Dienerfunktion einnimmt, kocht, wäscht und putzt sie für ihn. Die Arbeitsbelastung eines durchschnittlichen Arbeitnehmers ist in der Regel tatsächlich recht hoch, doch wird dabei außer Acht gelassen, dass die Tätigkeit einer Hausfrau und Mutter nicht minder anspruchsvoll ist. Vollkommen überfordert von der Dynamik der Kleinfamilie und dem Druck eines Lebens in der Stadt, das überteuert ist, anonym und vielfach brutal, ist die junge Mutter in “How to breathe under water” von Hyunseok Ku (Korea). Wie der Titel des Films suggeriert, steht den Protagonisten im Film das Wasser regelrecht bis zum Hals. Die Frauen zweier Familien kämpfen auf unterschiedliche Weise mit ihrem Alltag, versuchen ihren Kindern gerecht zu werden und gleichzeitig sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren – wobei letzteres das schwierigste dabei zu sein scheint. Um eine berufstätige Mutter geht es in “Missing” des Koreaners E Oni. Die geschiedene Frau beschäftigt Kindermädchen, die sich um ihre Tochter kümmern, während sie unabhängig ihren Lebensunterhalt verdient. Von Seiten des Ex-Ehemannes, dessen Mutter und schließlich auch des Arbeitgebers erhält sie nur spitze und verächtliche Bemerkungen über ihre sogenannte Eitelkeit und Arroganz, darüber sich das Recht zu nehmen, für sich alleine bestimmen und leben zu wollen. Ihre Fehlentscheidungen führen dann auch dazu, dass das Kind vom chinesischen Kindermädchen entführt wird – was unter Aufsicht des Vaters oder in einer intakten Familie nicht geschehen wäre.

Weiterlesen: Unsere Kritik zu Close-knit” von Naoko Ogigami, der an der Berlinale lief und von einer unkonventionellen Familienbildung erzählt.

Das Thema alternatives Familienmodell zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm, genauso wie das Thema Fremdenfeindlichkeit. Mehrere Filme behandeln die Migration innerhalb der asiatischen Länder, die durch Eheschließungen oder arbeitsbedingt ist. Ein wiederkehrendes Gefühl des Unverständnisses für den anderen, eine Angst vor dem Fremden und die Furcht dieser könne einem etwas streitig machen, was per natürliches Gesetz einem gehöre, legen sich wie erstickende Decken über die Werke und kommen einem, leider, erstaunlich vertraut vor. Eindrücklich schildert beispielsweise, vermeintlich nebenbei, “Counting the Stars at Night” des Koreaners Yongseok Choi, wie es Koreanern geht, die sich mit Frauen anderer asiatischer Länder vermählen und dann nach Korea zurückkehren. Trotz gänzlicher Anpassung an Sprache und Bräuche wird die Vietnamesin im Film als störender Fremdkörper angesehen. Ihr Sohn wird selbst von den Lehrern diskriminiert, weil er ein ungewöhnliches – wohn zu wenig der Jugendsprache angepasstes – Koreanisch spricht. Ähnlich geht es den vielen Hilfsarbeitern, die im Land tätig sind. Als sich der koreanische Familienvater, der gerade aus Vietnam zurückgekehrt ist und Arbeit sucht, bei Ihnen aufhält und, siehe da, sogar mit ihnen befreundet ist, muss er selbst Anfeindungen über sich ergehen lassen. “Bist du überhaupt ein echter Koreaner, dass du mit denen herumhängst?” Der Film zeigt in schönen Landschaftsbildern, suggestiven Kameraeinstellungen und einem perfekt abgestimmten Tempo ein Familiendrama, das, wie viele erzählte Geschichten auf dem Festival, Allgemeingültigkeit hat und berührt.

Das Programm des Festivals teilt sich in mehrere Kategorien auf. Neben der Präsentation aktueller Tendenzen setzt sich eine umfangreiche Retrospektive mit älteren Filmen auseinander, die die bedeutende Tradition des Kinos in Korea unterstreichen. Das koreanische Filmarchiv bemüht sich um eine nachhaltige Konservierung von Filmen, die zum nationalen Kulturerbe gehören. Über mehrere Jahre standen Filme aus den 1960er Jahren im Zentrum der Aufmerksamkeit, womit deren Bedeutung im internationalen Vergleich und ihre fortdauernde Relevanz als sozialgeschichtliche Zeugnisse ihrer Zeit herausgestellt werden konnte. In diesem Jahr ging es um die Schauspielikone Seong-il Shin, die in über 500 Filmen mitgespielt hat. Zwei Werke, “Eunuch“, eine Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen der Dirne des Kaisers und einem Eunuchen sowie “The General’s Mustache“, eine suggestive Kriminalgeschichte, standen durch ihre unterkühlte Emotionalität und ihrem sozialkritischen Interesse besonders heraus.

Die Filme zeigen die Modalitäten des menschlichen Zusammenlebens auf und ermöglichen es, auf Missstände hinzuweisen. Das Medium des Films als die zugänglichste aller Kunstformen ist bevorzugt dafür geeignet, nicht nur Emotionen zu erzeugen, sondern auch die letztlich politische Auseinandersetzung mit den Lebensrealitäten anzustossen. Dies beweist das Programm in Busan einmal mehr – und ermöglicht es darüber hinaus, eine Vielzahl technisch und künstlerisch anspruchsvoller Filme zu genießen.

Teresa Vena

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5. November 2017 | In Sonstiges | Keine Kommentare »

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