Dok Leipzig 2018: Prügel fürs Hirn


Der österreichischen Filmemacherin Ruth Beckermann widmete die Dok Leipzig eine Hommage. Foto: Dok Leipzig 2018

Walzer mit Waldheim und Reisen mit Sissi

Weit vom wissenden Essayfilm entfernt arbeitet Ruth Beckermann, deren Oeuvre im Rahmen einer Hommage gezeigt wurde. Dem Bild begegnet die renommierte österreichische Filmemacherin nicht deklamierend, sondern vielmehr fragend. Nur eines wird immer sichtbar: Ihr persönlicher Ausgangspunkt als Frau und als Jüdin, von dem aus sie kluge und kritische Gedanken schweifen lässt. In die „Papierene Brücke“ (1987) ist dieser Ausgangspunkt ihre eigene Herkunft: Leise und bedacht geht Beckermann, die als Tochter eines in Czernowitz geborenen Vaters, der sich der Roten Armee anschloss und einer Mutter, die nach der Shoah nur sehr widerwillig und der Liebe wegen nach Wien zurückkehrte, auf das jüdische (Weiter)leben im Angesicht des nie verschwinden wollenden Antisemitismus ein, der mit der damaligen Waldheim-Affäre einen neuen Höhepunkt erreichte.
Letztere ist auch das Kernstück von „Waldheims Walzer“ (2018), in dem Beckmann die damals privat geschossenen und die in den Medien grassierenden Bilder um Kurt Waldheim montiert, der von 1971 bis 1981 als UN-Staatssekretär tätig war und später trotz Enthüllungen seiner NS-Vergangenheit zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt wurde. Beckermann macht hier formidabel deutlich, wie das antisemitische Klima der UN und ein diplomatischer Kuschelkurs der engsten Nachbarn (Kohl als Unterstützer Waldheims) eine geschichtsklitternde Debatte (1. Leugnung, 2. Normalisierung, 3. Nationalismus) geradezu befeuerten – und zeigt damit auch, wie wichtig und aktuell die Ereignisse um 1986 nach wie vor sind.
In „Ein flüchtiger Zug gen Orient“ (1992) begibt sich Ruth Beckermann hingegen auf die Spuren von Sissi, die in ihren letzten Lebensjahren oft unerkannt nach Ägypten in den „Orient“ reiste; Projektionsfläche trifft auf Projektionsfläche. Das, womit Beckermann beginnt und das, was ihr dann am meisten begegnet, sind dann aber vor allem Reflektionen des eigenen Blicks. Ganz anders und doch ebenso behutsam und zurückhaltend ist ihr Film „Die Geträumten“ (2016), in dem Laurence Rupp und Anja Plaschg die Liebesbriefe von Paul Celan und Ingeborg Bachmann im Studio einlesen. Die Zurückgenommenheit, mit der die Filmemacherin das Experiment – was passiert mit Zweien, die einander so intensiv gegenseitig Texte darbieten? – inszeniert und dabei sichtbar macht, wie wenig es braucht, um eine Geschichte zu erzählen, erscheint ungewohnt und einzigartig. Dazu passte auch die unprätentiöse Art der Filmemacherin, die es sich nicht nehmen ließ, nach jedem Film im Q&A Rede und Antwort zu stehen. Es ist wohltuend in einer lauten Welt voller Behauptungen so eine (Bed)Achtsamkeit zu erleben.

Wo Animation Natur begegnet

Die Animation kann hingegen gar nicht anders, als erst einmal Wahrheit zu behaupten. Schließlich erfindet sie eine neue Welt von Grund auf neu, ist realistisch/naturalistisch im Sinne ihrer eigenen zu erzählenden Geschichte (Paul Wells). Die absichtliche, vorgeführte Zerstörung des Bildes kann den eigenen Zweifel als solchen deswegen oft erst sichtbar und fühlbar machen. Einer dieser Bildzerstörer im Internationalen Kurzfilmwettbewerb war Max Colson, dessen Filme im Grunde eher Versuchsanordnungen gleichen, die er mithilfe von 3D Modellen und im Stile von Visualisierungsvideos umsetzt. In „The Green and Pleasant Land“ (de)konstruiert er so das Vereinigte Königreich – verteilt mittels Live-Animation auf dem 3D-Modell Großbritanniens die von den Brexiteers und anderen national-sentimentalen Kräften fabulierte „einzigartig britische“ Fauna und Flora, die es vor dem Außen zu schützen gilt. Schon in „Construction Lines“ (2017), dem Vorgänger-Film, spielte er geschickt mit den Projektionen und entlarvte vermeintlich naiv-romantische „Kulturschützer“ mit viel Witz – dort wurde ein unterirdisches Bauprojekt in London aufgrund der grassierenden Projektionen schließlich gekippt.
Ebenfalls sehr humorvoll, aber aus diffuseren Gründen war „Wildebeest“ von Nicolas Keppens und Matthias Phlips, der so politisch inkorrekt und anarchisch daher kam wie es nur die Belgier vermögen. In diesem Mixed Media Film, der 2D-Charakteren in reale Tierdoku-Szenerie integriert, geht ein gelangweiltes Prollpärchen auf Safari verloren und muss sich nun gegen wilde Tiere, Feuerbrünste und den angestauten Ehefrust zur Wehr setzen. So entfaltet sich eine beißende Satire mit verwirrend berührenden Momenten.
The green and pleasant land“ und „Wildebeest“ gehörten zu den radikaleren Beiträgen im Programm, in dem es oft so schien, als sei ein Film eher aufgrund seiner Herkunft (Kolumbien, Israel, Russland) in Kombination mit dem Weltpremiere-Bonus ausgewählt worden und nicht notwendig, weil etwas neu oder anders war.

Edyta Adamczaks „Eatself“ überzeugte mit einem eigenwillig surrealistischen Animationsstil. Foto: Dok Leipzig 2018

Die übertroffene eigene Frauenquote schadete dem Wettbewerb indes nicht, im Gegenteil: So brachten auffällig viele Filme von Regisseurinnen ungewohnte Blickwinkel auf ungewohnte Themen – wie etwa das polyzystische Ovarialsyndrom (siehe „Las del Diente“ von Ana Pérez López) nach Leipzig mit. Darunter befand sich auch der zurecht mit der Goldene Taube ausgezeichnete „Egg“ von Martina Scarpelli, der durch ihren grafischen, hartlinigen Animationsstil das Martyrium der Anorexie beklemmend zum Ausdruck brachte. Währenddessen ein innerlicher Favorit, nämlich „Eatself“ von Edyta Adamczak trotz seines eigenwillig surrealistischen Animationsstiles und seiner pointiert erzählten Geschichte über die Einverleibung der Einverleibenden – die vermutlich auf die Jury-Mitglieder aufgrund aktueller Diskussionen um die Fleischindustrie als zu didaktisch wahrgenommen wurde – leer ausging, setzte die Jury mit der Vergabe einer „Besonderen Erwähnung“ an ihre polnische Landsfrau Karina Paciorkowska für ihr „You are Overreacting“ ein klares politisches Zeichen Richtung #metoo: Wie aus Leuchtkreide ins schwarze Nichts geworfen (handgezeichnete Animation) schildert Paciorkowska einen ganz normalen sexistischen Tag aus dezidiert weiblicher Perspektive. Weil der Zuwachs von weiblichen Stimmen aber eben allein kein Garant für ein rundes Programm ist: Es ist gut, dass die scheidende Geschäftsführerin Leena Pasanen wohl angekündigt hat, die bisherige Linie des Festivals in Sachen Weltpremiere etwas aufzuweichen. Das könnte eine andere Dynamik erzeugen.

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14. November 2018 | In Allgemein

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