Festivalbericht One World 2011

Festivalbericht One World 2011: Polemik und Pop


Filmszene: "Musik als Waffe"

Filmszene: "Musik als Waffe"

White Missionaries of Hate“ (Mariana von Zeller, 2010) ist zu Ende, der Filmvorführer knipst das Licht wieder an für eine Handvoll Kinobesucher. Beim Verlassen des Arsenal-Kinos fällt der Blick geradewegs in die Flure des Cinemaxx. Zig Menschen sind unterwegs, wühlen im Popcorn, laufen schnell zur Toilette. Es ist ein schockierender Anblick, der offenbart, was die Herausforderung des One World Festivals ist: die Sensibilisierung des Kinobesuchers für die Missstände der globalisierten Welt, abseits des Unterhaltungsfilms.

Aber wie nähert man sich einer komplizierten, vielschichtigen Realität und welche Geschichte erzählt man? Diese Frage lösen alle Festivalbeiträge anders, aber ein roter Faden bleibt bestehen: es gibt keine Patentrezepte, keine Ideallösungen. „Wir wollen Fragen stellen und keine Forderungen äußern.„, sagt eine Besetzerin der Occupy-Berlin-Bewegung und trifft damit den Kern des Festivals. Astra Taylors Eröffnungsfilm „Examined Life“ (2008) gibt dann auch die Marschrichtung vor. Acht zeitgenössische Philosophen, an acht verschiedenen Orten mit ganz unterschiedlichen philosophischen Ansätzen. Cornel West predigt auf der Rückbank eines Taxis den Genuss als Sinn des Lebens, Slavoj Žižek befiehlt dem Zuschauer auf einem Schrottplatz die Liebe zum Müll und Michael Hardt berichtet gemächlich rudernd von der Notwendigkeit der Revolution. Das Ergebnis ist ambivalent. Aufgrund seiner Länge und der Schwere seiner Themen wirkt der Film unausgegoren und unterhaltsam anregend zugleich.

Gesichter und Charakterköpfe – das sind auch die wesentlichen Bestandteile der gelungensten Beiträge des diesjährigen One World Festival, das oft nur 15, manchmal aber auch mehr als 50 Besucher anzieht. „Wikirebels“ (2010), der sich mit dem Aufstieg von Wikileaks beschäftigt, „White Missionaries„, der eine homophobe Gesetzesvorlage in Uganda untersucht, „Musik als Waffe“ (Tristan Chytroschek, 2010) oder die Filme zur schwedischen und britischen Zensur bleiben jedoch hinter abendfüllenden Filmen oder filmischen Experimenten zurück. Ihre journalistische Aufgeklärtheit lässt zu wenig Spielraum für die Fragen, die man sich angesichts schwelender Konflikte oder medialer Verzerrung stellt.

Aufklärerisch wirkt auch die Videoinstallation von Markus Öhrn „The Magic Bullet“, die das Festival ab Tag eins begleitet hat. Passend zum Thema Zensur hat der schwedische Künstler alle Szenen, die jemals von der schwedischen Zensurbehörde (die 2011 ihre Arbeit eingestellt hat) herausgeschnitten wurden, in einem monumentalen 50-stündigen Film chronologisch zusammengestellt. Auf diese Art und Weise entsteht ein schwedisches Sittengemälde der letzten hundert Jahre. Trotz Abschaffung der Behörde ist sich Öhrn sicher: Zensur existiert weiter, intransparent und uneinsehbar, in den ethischen Leitlinien der großen Unternehmen.

Plakatwerbung

Plakatwerbung

Am deutlichsten spürbar werden die Fragen nach Handlungsspielräumen und medialer Bestimmtheit hingegen in den Fragmenten der Occupy-Bewegung. Fünf amerikanische Videos über die Occupy Wall Street Bewegung werden gezeigt, die zwischen Dokumentation, Polemik und Pop changieren. Der anschließende, deutsche Dokumentarfilm über die Occupy Bewegung in Berlin setzt dagegen konsequent auf ungeschnittenes Material, um der selektiven Berichterstattung traditioneller Medien entgegen zu wirken. Einen Handlungsansatz liefern dabei die Regisseure Thomas Scheffer und seine Co-Regisseurin in der Podiumsdiskussion, indem sie die Parole ausgeben: „Occupy the Media!“ Ein Aufruf, der jedoch, bei nur 15 Anwesenden – darunter größtenteils Besetzer/Filmprotagonisten – etwas ungehört verhallt.

Die Manipulation der Medien und die unhaltbare Unschuld der Bilder sind zwei Themen des Films „White Charity“ (2011). Die Regisseure Timo Kiesel und Carolin Philipp analysieren mit postkolonialen Theorien Werbestrategien, die in der Plakatwerbung von NGOs Verwendung finden. Dabei stellen sie überzeugend heraus, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt: Rassismus bleibt Rassismus, auch wenn man vermeintlich Gutes tut.

1 2