Notizen zum Animationsfilm bei der 76. Berlinale


HAN YE DENG ZHU (LIGHT PILLAR) © Fengduan Pictures
HAN YE DENG ZHU (LIGHT PILLAR) © Fengduan Pictures

Viel Bewegung drin

Alle paar Jahre können sich Liebhaberinnen der animierten Filmkunst bei der Berlinale freuen, dass auch ein Animationsfilm im Wettbewerb läuft. Zuletzt war das SUZUME in 2023, in diesem Jahr konnte Yoshitoshi Shinomiyas A NEW DAWN einen der begehrten 22 Plätze einnehmen, der sich dann aber leider trotz seiner schönen Kombination von Animationstechniken als immens dialoglastig und sentimental-didaktisch ausnahm. Doch wer im 2026-Berlinale-Programm nach Animation suchte, wurde in vielen Sektionen glücklich, wenn sich die komplette Anzahl von Filmen auch mit 15 von 278 als überschaubar ausnahm: Zum Beispiel im Generation-Programm – das eigentlich schon traditionell zumindest immer kurze Animationsfilme für seine jüngeren Zuschauerinnen anbietet. In diesem Jahr war mit PAPAYA auch ein langer Animationsfilm vertreten; das Debüt von Priscilla Kellen, die bislang als Regieassistentin von Alê Abreu (der unter anderem den bezaubernden THE BOY AND THE WORLD realisierte) tätig war. Auch die Shorts vergaben drei ihrer wenigen Plätze an Animationsfilme, und im Classics-Programm wurde Yoshiaki Kawajiris JUBEI NINPUCHO (NINJA SCROLL) von 1993 gezeigt.

Mit dem größten Highlight wartete allerdings die Sektion Perspectives auf: HAN YE DENG ZHU (LIGHT PILLAR) von Xu Zao, ein unglaublich sympathischer Film, der die zunehmende Einsamkeit und Prekarisierung der Gesellschaft zum Thema hatte. Xu Zao, der mit seinem fantastischen HAI NE YANG (NO CHANGES HAVE TAKEN IN OUR LIVES) 2023 die Goldene Taube bei der DOK Leipzig holte, griff dabei auf einen schönen Kniff zurück: Die „reale Welt“, in der der einsame Hausmeister Zha in einem langsam Bankrott gehenden Filmstudio mit seiner Katze (ohnehin ein Film für Katzenliebhaber*innen – alle vorstellbaren Katzeneigenschaften bekommen Screentime) dahinlebt, bekommt Konkurrenz durch die virtuelle VR-Brillen-Welt, in der sich Zha verliebt und verliert – und diese Welt ist eine Live-Action-Welt, gedreht auf einem Provinz-Rummelplatz. LIGHT PILLAR ist pointierte Fortschrittskritik in einem dezidiert chinesischen Setting, die allerdings universell funktioniert. Denn auch jenseits des chinesischen Wirtschaftsraumes ist die Technik ja längst so gut, dass sie sie uns die Entfremdung nicht spüren und dann aufs Traurigste verkümmern lässt. Besonders schön auch der mitgemeinte Abgesang auf die alten großen Kinostudios, die im Zuge der Netflixisierung weltweit an Prestige einbüßen (natürlich zu Recht, wie es die Figur des durchregierenden Studiodirektors zeigt). Auch wenn LIGHT PILLAR dramaturgisch seine Schwächen hat – und vielleicht sogar ein besserer mittellanger Film wäre – ist er dank seiner klugen Dialoge und satirischen Spitzen ein Standout-Film im Perspectives-Programm.

COSMONAUTS © Finta film
MIYU war nicht nur auf dem EFM – sie haben auch COSMONAUTS mit im Programm, der zum Europäischen Kurzfilmkandidaten gekürt wurde © Finta film

Der Raum, den Animation bei der Berlinale einnimmt, und den viele gern noch größer sähen, wurde in diesem Jahr um eine Business-Komponente erweitert: Erstmals richtete der European Film Market, unterstützt von der Mitteldeutschen Medienförderung und dem BFI, die an Branchenbesucher*innen gerichteten EFM Animation Days aus (12.-14. Februar 2026). Drei Tage lang gab es Panels zu aktuellen Animationsthemen, Pitch und Work-in-Progress-Sessions, Case Studies, Workshops, Get-Together und Networking. Das Interesse der Branche war so groß, dass das Cinemobile am Martin Gropius Bau an seine Kapazitätsgrenzen geriet, sich auch bei den eisigen Berlinale-Temperaturen Schlangen bildeten und angemeldete Gäste wieder weggeschickt wurden: Für das nächste Jahr wäre eine größere Location vielleicht eine gute Idee.

Die Animation Days boten vor allem den deutschen Playern eine gute Chance, sich im Rahmen des wichtigsten deutschen Filmfestivals zu präsentieren und mit internationalen Kolleg*innen zu vernetzen – ein wichtiges Zeichen für alle, die sich mehr Sichtbarkeit für die Animation auch außerhalb der Animationsbubble wünschen. Entsprechend war auch das Format „German Animation Studios: Pitching Excellence“ konzipiert, bei dem deutsche Studios in kurzen Pitches, die teils etwas unvorbereitet wirkten, ihre Portfolios vorstellten. Family Entertainment und Serien waren dabei besonders stark vertreten, der künstlerische Animationsfilm eher weniger. Das spiegelte sich dann auch im Panel „How can Indie Animation Claim a Seat at the Table?“ mit Sean Clarke (Aardman), Yohann Comte (Charades), Luce Grosjean (MIYU Distribution) und der Producerin Alba Sotorra, wider: Aardman ist natürlich kein Disney oder Pixar – aber kann man hier noch wirklich von Indie Animation sprechen? Aber der amerikanische Großvergleich bleibt nun mal wahrscheinlich der Standard, wenn es um Business geht. Entsprechend optimistisch war Sean Clarke dann auch, was verschiedene Themen anging, zum Beispiel KI – die ließe sich gut für Marketing oder Brand Extensions nutzen (darin sähe er keine Gefahr für die künstlerischen Gewerke).

Argumentativ hatte dieses Panel nur bedingt viel Neues zu bieten – zumindest, wenn man den im Publikum anwesenden Indie-Filmemacher*innen Glauben schenken mochte, die nicht in großen Studios arbeiten: Es brauche risikofreudigere Financiers und Förderer, die statt einem handlungsstarken Drehbuch auch die Visionen wahrnähme, die in einem Storyboard steckten, mehr Sichtbarkeit auf den Sendeplätzen etc. Und gerade die Studios vermittelten einen großen Optimismus (auch was Deutschland als Produktionsstandort anging), der sich vielleicht auch nicht immer von prekär lebenden Freelancern teilen lässt.

Es war trotzdem ein engagierter Auftakt in Sachen Animation@Berlinale – und vielleicht auch ein recht niedrigschwelliger Einstieg für interessierte Akteurinnen jenseits der Branche. Was die Sichtbarkeit auf den Festivals anging, wurde hier auch die Frage diskutiert, ob eigens kuratierte Animationsprogrammschiene beispielsweise bei der Berlinale oder in Cannes zu mehr Sichtbarkeit verhelfen würde – oder aber doch die Programmierung über verschiedene Programmschienen/Wettbewerbe hinweg. Am besten käme Animation in allen Programmen vor, betonte beispielsweise Alba Sotorra. So gäbe es eher die Chance, dass auch die Filmkritik und nicht-Animations-Cineastinnen Animationsfilme eher wahrnähme(n). Ein Ausbruch aus der Bubble. Auch wenn sie einer der schönsten Bubbles ist, ganz egal auf welchem Festival.