Zeitgeistige Vielfalt: Das 36. FilmFestival Cottbus


Anfang November ist Cottbus-Zeit: Das traditionsreiche FilmFestival Cottbus blickt vom 3. bis 8. November einmal mehr in (ost)deutsche Grenzregionen, nach Polen, ins Baltikum oder den Balkan – und zeigt dabei nicht nur so heiß erwartete Filme wie Andrey Zvyagintsevs MINOTAURUS oder FJORD von Cristian Mungiu, sondern macht auch Platz für spannende Nachwuchsstimmen. Insgesamt sind 147 Filme aus 43 Ländern zu sehen.

Der regionale Fokus liegt 2026 auf Lettland und Montenegro. Im „Close-Up: Latvia“ laufen unter anderem der Gints Zilbalodis’ dialogfreier, oscarprämierter Animationsfilm FLOW, aber mit ESCAPE NET und ULYA auch zwei Biografien prägender Persönlichkeiten des lettischen Basketballs. „View from the Black Mountain: Montenegro Special“ zeigt mit vielschichtigen Beiträgen, dass die Professionalisierung der dortigen Filmbranche gehörig an Fahrt aufgenommen hat. Auch Meisterregisseure bekommen ihre Bühne: Anlässlich des 100. Geburtstages von Andrzej Wajda widmet das Festival dem großen polnischen Regisseur, den auch das diesjährige filmPOLSKA ehrte, die Sektion „Don’t Call Me Vintage!“, in der vier Werke Wajdas auf Filme einer neuen Generation polnischer und deutscher Filmschaffender treffen, darunter der Klassiker ASCHE UND DIAMANT (1958).

Neben zahlreichen Specials gibt es ein klares Festivalherzstück: In drei Wettbewerben (Spielfilm, GenNext und Kurzfilm) schickt Cottbus insgesamt 29 Filme ins Rennen, darunter auch einen komplett KI-generierten Film, A WOMAN ASLEEP von Vikki Bardot (müsste es dann nicht richtigerweise von Vikki Bardot geprompteten Film heißen?). Das Festival schreibt dazu in seiner Pressemitteilung: „Mit seiner Aufnahme in den Wettbewerb setzt das FFC ein Zeichen in der internationalen Festivallandschaft und eröffnet zugleich die Debatte über die kreativen Möglichkeiten und Herausforderungen künstlicher Intelligenz für das Kino.“ Das klingt ein bisschen sehr nach „Klappe auf, Affe tot“, Ende der KI-Debatte – hoffentlich macht es sich das Festival nicht so einfach. Schließlich fürchten gerade nicht nur in der Animationsbranche viele um ihre Jobs, Copyright-Fragen bleiben ungeklärt, der AI-Slob greift so rasant um sich, dass wir gar keine Differenzierungstools entwickeln können. Das Zitat und die Aufnahme des Films in den Wettbewerb wirkt geradeso, als würde man den Einsatz von KI einfach nur als logische nächste Entwicklung in der Filmlandschaft hinnehmen, ohne diese Ängste wahrzunehmen. Aber who knows: Vielleicht gibt es ja extra lange Q&As nach den Screenings, um diese Unsicherheiten zu diskutieren; sinnvoll wäre das.

Hier finden sich einige Empfehlungen aus dem Filmprogramm:

MINOTAURUS

Darum geht es:
Gleb und seiner Familie geht es gut, sehr gut, ja eigentlich. Ein perfekt eingerichtetes Designer-Haus, die Firma läuft gut, Glebs Frau ist schön und repräsentativ. Aber dann fällt ihm zunehmend auf, dass sie auf Distanz geht, ihn abweist – er ahnt: sie betrügt ihn. Diesem vermuteten Betrug und der Kränkung seiner männlichen Ehre gilt nun die ganze Aufmerksamkeit und Verletzung, während der Angriffskrieg Russlands anläuft, das Stadtbild zunehmend einnimmt, reale Unternehmensfolgen zu haben droht und Einzugsbefehle erfolgen. Was für eine lästige Mücke, so ein Krieg, in den andere ziehen und wieder andere sterben.

Was du zum Film wissen musst:
Für seinen Canner-Gewinner MINOTAURUS hat Andrey Zvyagintsev nicht nur lose Claude Chabrols DIE UNTREUE FRAU adaptiert, sondern auch politisch bis ins letzte Detail aufgeladen. Da hält schon mal ein Taxi vor einem Wagen, bei dem ein fettes Z-Schriftzeichen in der Heckscheibe prangt; eine Einstellung von wenigen Sekunden, ein ominöser Vorbote. Von wegen, der Krieg sei eine Überraschung gewesen. Zvyagintsevs MINOTAURUS ist eine knallharte Abrechnung mit der russischen Mittel- und Oberschicht, die den Angriffskrieg durch ihre Lethargie und ihr Verbuddeln in den bisweilen trivialen Herausforderungen der eigenen Status-Bubble mitermöglicht und nicht enden lässt. Voller existentieller Wut, die über die ganze Filmlänge subkutan brodelt und nie wirklich eruptieren darf. Ein verstörendes, bis ins Mark gehendes Meisterwerk.

Termine beim FilmFestival Cottbus
Mittwoch, 04. November, 17:30 Uhr, Kammerbühne
Donnerstag, 05. November, 11:00 Uhr, Obenkino

WINTER IN MARCH

Darum geht es:
Ein Paar, das sich kurz nach Beginn des Krieges entschließt, aus Russland zu fliehen, weil sie Putins großimperialistische Aggression nicht mittragen wollen. WINTER IN MARCH begleitet die beiden bei ihrer unendlich langen Zugreise, den Zwischenstopps und Kontrollen bis hin zur Einreise nach Georgien. Die unendliche Angst, der Fahnenflucht und Opposition verdächtig und inhaftiert zu werden, immer mit im Gepäck.

Was du zum Film wissen musst:
WINTER IN MARCH ist ein aufwändig umgesetzter Stop-Motion-Film, in dem alle Figuren (Stoffpuppen) und Hintergründe (Pappe) wie behelfsmäßig zusammengenäht sind – mit Fäden, die die Regisseurin Natalia Mirzoyan immer wieder auftrennt, auch um die Brüchigkeit und Fragilität ihrer Figuren und die dünne Membran zwischen Angst und Paranoia plastisch werden zu lassen. Für ihren Film wurde Mirzoyan, die inzwischen in Estland lebt und mit ihrem Film die Erinnerungen von Freunden verarbeitet, vielfach international ausgezeichnet, zuletzt beim 9. Festival of Animation Berlin. In der Animationscommunity, die wie der Rest der Filmwelt mit den internationalen Debatten in Sachen Solidaritätsbekundigungen vor allem in Sachen Ukraine und Palästina ringt, war WINTER IN MARCH nicht unumstritten, wie bspw. Chris Robinsons CartoonBrew-Beitrag dazu zeigt.

Termin beim FilmFestival Cottbus (als Vorfilm von A LITTLE GRAY WOLF WILL COME)
Freitag, 06. November, 15:30 Uhr, Kammerbühne
Sonntag, 08. November, 10:30 Uhr, Filmtheater Weltspiegel, Saal 3

MORGEN VOR LANGER ZEIT

Darum geht es:
Zeitliche Umbrüche und Überlagerungen sowie Geschichte, die einfach nicht Vergangenheit sein will. Als Jelena (Manuela Biedermann) vor Tübkes Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser steht, scheint in den Grashalmen im Wind drumherum das Klacken der Pferdehufe und metallische Aufeinanderprallen von Waffen wieder aufzuleben. Doch Jelena ist nicht nur Illustratorin/Künstlerin (vermutlich, sie zeichnet jedenfalls), sondern auch Zeitzeugin, die sich durch eine umherstreifende wohnungslose Person an ihr Weggehen aus dem Osten zur Wendezeit erinnert. Und an Patty (Gerti Drassl), die sie damals zurückließ. Im zweiten Filmkapitel sehen wir, wie Patty 1990 von einem Tag auf den anderen ihren Job verliert und dann sehr unkonventionelle Lebenswege einschlägt. Es soll aber nicht das letzte Kapitel in der mehr schlecht als recht zusammengewachsenen deutsch-deutschen Geschichte sein, die dieser Film einfängt.

Was du zum Film wissen musst:
Mit MORGEN VOR LANGER ZEIT, der seine Weltpremiere in Locarno feierte, legt Luise Donschen ihr inhaltlich und formal beachtliches Regiedebüt vor. In präzise montierten Bildern und mit sparsamen Dialogen erzählt Donschen von ostdeutschen Protagonist*innen, die in ihrer groben Skizzierung immer wieder auf ihre strukturelle Platzhalterfunktion verweisen: Was hier einzelne betrifft, ist vielen in der Wendezeit passiert; ganz unspektakulär, ganz leise.

Termin beim FilmFestival Cottbus
Mittwoch, 04. November, 18:30 Uhr, Filmtheater Weltspiegel, Saal 2

YOU DON’T BELONG HERE

Darum geht es:
Das 150-minütige Drama YOU DON’T BELONG HERE (NU E LOCUL TĂU AICI) von Florin Șerban, der große Locarno-Gewinner, wirft anhand eines Vater-Sohn-Verhältnisses ein unbarmherziges, düsteres und mikroskopisch genaues Licht auf die polarisierte rumänische Gesellschaft: Da ist der Vater, Marius, einst ambitionierter Chirurg, nunmehr nur Chef des hiesigen Krankenhauses, der an der eigenen Mittelmäßigkeit verzweifelt. Und da ist Ioan, sein Sohn, den der Vater längst in Verdacht hat, zu den marodierenden Motoradbanden zu gehören, die nachts in einem vorrangig von Rom*nja bewohnten Stadtviertel die Reifen aufschlitzen und auf Autodächern enervierend-bedrohende Botschaften auf Schildern hinterlassen: „Du gehörst hier nicht her“. Bis einer von ihnen auch einen Rom*nja-Mann tötet, und die Eskalation ihren Lauf nimmt.

Was du zum Film wissen musst:
YOU DON’T BELONG HERE beschreibt die Entwicklung vom Auseinanderleben hin zur Konfrontation als unglaublich zähen Prozess, und zwingt auch das Publikum immer wieder zum Aushalten: Das ist mal die lange Kameraeinstellung, die das Treppenhaus zeigt, durch das Ioan doch irgendwann endlich mal laufen muss, oder ein nicht-enden-wollender Moment, in dem Marius seiner Geliebten sein Mittelmaß vorheult, damit sie… ja, was eigentlich? Ihn tröstet – oder ihm doch sagt, dass er ein ganz toller Typ ist? YOU DON’T BELONG HERE, der leider durch sein konstruiertes Ende an Wucht verliert, hat keine Antworten auf die Frage parat, wie man Radikalisierung verhindert, und der Spaltung der Gesellschaft etwas entgegensetzt. Auch nicht, wie man dem tiefsitzenden Machismo in der (rumänischen) Gesellschaft, die im Übrigen alle Bevölkerungsgruppen gleich stark betrifft, entkommt. Oder die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbricht. Șerbans Drama hält höchstens die beunruhigende egalitäre Erkenntnis bereit, dass es hinter den meisten Fassaden, die wir uns bei Klassentreffen gegenseitig präsentieren, mächtig bröckelt und wir damit alle im selben Boot sitzen.

Termine beim FilmFestival Cottbus
Mittwoch, 04. November, 20:30 Uhr, Filmtheater Weltspiegel, großer Saal
Donnerstag, 05. November, 10:15 Uhr, Filmtheater Weltspiegel, Saal 2