44. Filmfestival Max Ophüls Preis: SPRICH MIT MIR von Janin Halisch


SPRICH MIT MIR © Antonia Lange/DFFB
SPRICH MIT MIR © Antonia Lange/DFFB

Mütter, Töchter, Väter

Ziemlich durch den Wind ist die 28-jährige Karo (Alina Stiegler, DOGS OF BERLIN), nachdem ihr Freund Alex (Jonathan Berlin) unerwartet mit ihr Schluss gemacht hat. Deshalb lässt sie sich widerwillig darauf ein, spontan mit ihrer Mutter Michaela (Barbara Philipp, SYSTEMSPRENGER, LARA), einer patenten 50-jährigen Friseurin aus Ost-Berlin, für eine Woche nach Rügen zu fahren. „Sieht ja aus wie die Platte, in der wir mal gewohnt haben“, kommentiert Michaela das Hotel mit DDR-Charme. Doch nicht nur ihre Unterkunft weckt in den folgenden Tagen Erinnerungen an Michaelas und Karos gemeinsame Vergangenheit.

Während sich Karo im in die Jahre gekommenen Rügener Hotel ein Zimmer mit ihrer Mutter teilt, entstehen zwangsläufig Konflikte, denen Mutter und Tochter, die einiges voreinander verheimlichen, bislang aus dem Weg gegangen sind. Alte Wunden reißen auf und neue Missverständnisse entstehen – besonders in Bezug auf Michaelas Liebesleben.

Im eher trist anmutenden Ostseeinseldomizil lernen die beiden den frisch geschiedenen Jochen (Peter Lohmeyer) und dessen 16-jährige Tochter Marie (Pearl Graw) kennen, was in Karo zwiespältige Gefühle hervorruft. Getrieben von der unausgesprochenen Sehnsucht nach ihrem eigenen Vater (Pierre Besson), zu dem seit der Scheidung ihrer Eltern, als Karo zwölf Jahre alt war, wenig Kontakt besteht, fühlt sich Karo zu Jochen hingezogen, der wie sie unter gelegentlichen Panikattacken leidet. Doch ihrer Mutter kommt der sympathische 60-Jährige als Urlaubsflirt gerade recht.

Feinfühlig und mit leisem Witz reflektiert die 1984 in Ost-Berlin geborene Janin Halisch (LUI, SKINNY LOVE) in SPRICH MIT MIR, ihrem Langfilmdebüt und Abschlussfilm an der DFFB, das von fehlender Kommunikation geprägte Verhältnis einer jungen Frau zu ihrer Mutter – und zu ihrem Vater. In der Abgeschiedenheit des windigen, verlassen wirkenden ostdeutschen Urlaubsortes am Meer dienen Jochen und dessen Teenie-Tochter, zu denen sie schnell ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut, Karo als Spiegel einer Vater-Tochter-Beziehung, die sie sich selbst auch gewünscht hätte.

Fragen an ihren eigenen Vater, den sie in Berlin manchmal aus der Ferne bei der Arbeit auf der Baustelle beobachtet, ohne ihn anzusprechen, stellt sie nun Jochen, und durch den neuen Kontakt zu Marie und deren Freund*innen fühlt sich Karo fast selbst wieder wie eine Teenagerin. Passend dazu bezeichnet Regisseurin Janin Halisch, die gemeinsam mit Hannah Sioda auch das Drehbuch zu dem 80-Minüter verfasste und darin eigene Erfahrungen aus Urlauben mit ihrer Mutter und verschiedenen Vätern filmisch verarbeitete, SPRICH MIT MIR als „verspätetes Coming-of-Age-Drama“.

Während Karo in den unfreiwilligen Ferien ihre Jugend, das Verhältnis zu ihrer Mutter und den Einfluss ihres abwesenden Vaters auf ihr Leben und ihre Liebesbeziehungen aufarbeitet, kommt es immer wieder zu anrührenden und zugleich komischen Situationen. So liefert Karo abends vor den anderen Tourist*innen eine schräge Performance von Bonnie Tylers 80er-Hit „Total Eclipse of the Heart“ ab, der als Kind ihr Lieblingssong war, während Michaela und Jochen verliebt miteinander tanzen. Michaela dagegen, die mit ihrer Tochter nur ungern über ihre Liebhaber spricht, verschwindet immer wieder mit den Worten „Ich geh mal eine rauchen“ zu heimlichen Telefonaten oder Treffen mit ihrem Freund.

Mit glaubwürdigen Dialogen, überzeugenden Darsteller*innen und dem herausragenden Zusammenspiel des Mutter-Tochter-Duos ist SPRICH MIT MIR, der im Spielfilmwettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2023 zu sehen war und Alina Stiegler den Preis für den besten Schauspielnachwuchs bescherte, ein ruhig und wahrhaftig erzählter, berührender Film über zwei emanzipierte Frauen aus verschiedenen Generationen und die vielschichtige Bindung zwischen Müttern und Töchtern. Vor dem Hintergrund der wechselhaften, aber intensiven Beziehung zwischen Michaela und Karo thematisiert Regisseurin Janin Halisch auf kluge und einfühlsame Weise das späte Aufarbeiten der Scheidung der Eltern, das Aufwachsen ohne Vater, das ein ganzes Leben prägen kann, und die manchmal tragikomischen Auswirkungen fehlender Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern.

Stefanie Borowsky

SPRICH MIT IHR, Regie: Janin Halisch. Darsteller*innen: Alina Stiegler, Barbara Philipp, Peter Lohmeyer, Pearl Graw, Jonathan Berlin, Pierre Besson.