74. Berlinale: A DIFFERENT MAN von Aaron Schimberg – Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle


A DIFFERENT MAN © Faces Off LLC
A DIFFERENT MAN © Faces Off LLC

What’s another face?

Was ist Schönheit? Was ist Attraktivität? Und wie beeinflusst sie unsere Persönlichkeit? Fragen, die sich Edward (Sebastian Stan), der gerne Schauspieler wäre, nur bedingt stellt. Er leidet an der seltenen Krankheit Neurofibromatose mit der Folge, dass sich weiche, fleischige Tumore großflächig auf seinem Gesicht verteilen. Edwards Aussehen weicht soweit vom gemeinen Schönheitsideal ab, dass er schüchtern und immer leicht gebeugt durch ein isoliertes Leben geht. Möglichst unauffällig, möglichst nicht anecken. 

Mit seiner attraktiven Nachbarin Ingrid (Renate Reinsve), einer angehenden Dramatikerin, knüpft er zarte Freundschaftsbande, doch ein hoffnungsvoller, gleichwohl scheiternder Annäherungsversuch, entfremdet die beiden wieder. Da ergibt sich die Möglichkeit, an einem medizinischen Experiment teilzunehmen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Die Behandlung schlägt an und schon bald kann sich Edward die entstellenden Tumore wie eine schlecht sitzende Maske vom Gesicht ziehen.

Plötzlich ist Edward ein gut aussehender Mann, der seine alte Existenz abstreift und unter neuem Namen ein Leben als erfolgsverwöhnter Werbefachmann beginnt. Als er erfährt, dass Ingrid ihre Beziehung zu dem vermeintlich verstorbenen Edward in einem Theaterstück verarbeitet hat, bewirbt er sich erfolgreich um die Hauptrolle und kommt Ingrid auf diesem Weg doch noch näher. Doch dann taucht der selbstbewusste Oswald (Adam Pearson) auf, der ebenfalls Neurofibromatose hat, darunter aber nicht etwa leidet, sondern stattdessen eine einnehmende, allseits beliebte Persönlichkeit entwickelt hat. Oswald geht mit einer Leichtigkeit durchs Leben, von der Edward selbst mit seinem neuen Gesicht nur träumen kann. Als Oswald ihm sogar Ingrid ausspannt, ist es um Edwards Contenance geschehen.

Die komplette Transformation einer Figur, die radikale Veränderung eines Charakters ist ein beliebter Filmtopos. Die Verwandlung des häßlichen Entleins in einen strahlenden Schwan haben wir schon oft gesehen. Aaron Schimbergs A DIFFERENT MAN macht daraus eine Farce. Edwards neues Leben mag sich zu Beginn gut anfühlen. Doch mit dem Auftritt Oswalds, beginnt sich Edward zu fragen, was dieses neue Leben tatsächlich für ihn bereit hält und ob die Verwandlung seines Äußeren wirklich zu einem erfüllten, glücklichen Leben führen kann.

Die leicht surreale Atmosphäre des Films, kleine, aggressiv sich verstätigende Unstimmigkeiten im Alltag, spiegeln Edwards Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen und lassen seine Welt mit jeder Veränderung vor seinen Augen mehr auseinander fallen. Der repetitive Charakter des Films lässt ihn bisweilen etwas zu lang wirken, ist aber narrativ konsequent.

Sebastian Stan gibt eine nuancierte Performance. Zunächst unter einer prosthetischen Maske versteckt, muss er vor allem körperlich agieren, wobei sich Gang und Haltung je nach Szene und der mitwirkenden Akteure ändert. Stan vermeidet klug Klischees, lässt Edward nie jämmerlich erscheinen. Stattdessen gibt er ihm eine überzeugende, bisweilen, ob der Fehler, die Edward immer wieder begeht, frustrierende Präsenz. Es ist für den rumänischen Schauspieler, der einem breiteren Publikum vor allem durch seine Rolle als Bucky Barnes a.k.a. The Winter Soldier in den Filmen des MCU bekannt sein dürfte, die bislang beste Leistung, was sich auch in der Auszeichnung für die beste Hauptrolle bei der 74. Berlinale ausdrückt.

Für die Norwegerin Renate Reinsve, die die Filmwelt vor zwei Jahren mit ihrer berauschenden Performance in VERDENS VERSTE MENNESKE (DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT) im Sturm eroberte, ist A DIFFERENT MAN der erste Auftritt in einem amerikanischen Film. Ihr quirliger Charakter buhlt nicht um falsche Sympathie und bereichert den Film ebenso wie Adam Pearson, dessen erfrischender Charme die Grundstimmung des Films in seiner zweiten Hälfte auf den Kopf stellt. Pearson hatte schon in Schirmbergs letzten Film CHAINED FOR LIFE (2018) einen denkwürdigen Auftritt.

Mit seinem dritten Spielfilm A DIFFERENT MAN hat Schirmberg eine absurde, manchmal aberwitzige Komödie über die Selbstbezogenheit des Menschen inszeniert, in der jeder Charakter mehr oder weniger um sich selbst kreist. Das Drehbuch erinnert bisweilen an Woody Allen, wird aber zum Ende auch von einem Hauch Charlie Kaufman umspielt. A DIFFERENT MAN mag noch nicht der ganz große Wurf sein, mit Aaron Schirmberg sollte man aber in Zukunft rechnen.

A DIFFERENT MAN, Regie: Aaron Schimberg, Darsteller_innen: Sebastian Stan, Renate Reinsve, Adam Pearson u.a.