74. Berlinale: Gewinner des Dokumentarfilmpreises NO OTHER LAND von Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor


Berlinale Dokumentarfilmpreis 2024: Yuval Abraham, Basel Adra © Richard Hübner / Berlinale 2024

Politische Minenfelder

Nach der Abschlussgala der 74. Berlinale wurde in den deutschen Medien scharfe Kritik an den Äußerungen einiger Gewinner bei der Preisverleihung geäußert. Unter anderem richtete diese sich gegen die Wortwahl des israelischen und palästinensischen Journalistenteams Yuval Abraham und Basel Adra, das den Dokumentarfilmpreis für NO OTHER LAND persönlich auf der Bühne entgegennahm. Adra nutzte seine Dankesrede, um auf eine „brutale Besatzung“ im Westjordanland hinzuweisen. Er merkte an, es sei „sehr schwer zu feiern, während zehntausende Menschen meines Volkes im Gaza durch Israel abgeschlachtet und massakriert werden“ und wies darauf hin, „den Aufruf der Vereinten Nationen zu beachten und Waffenlieferungen nach Israel zu unterbinden“. Abraham bezeichnete die ungleiche Behandlung von palästinensischen und israelischen Zivilist*innen in der Westbank und Israel als „Apartheid“. „Wir müssen fragen, wie wir etwas verändern können, um die Besatzung zu beenden und eine politische Lösung zu erreichen“, appellierte er an das Publikum. Diese Aussagen sorgten in dem derzeitigen politischen Klima bezüglich des Kriegs in Nahost stellenweise für Entrüstung. Die Berlinale stellte in einer Pressemitteilung klar, dass es sich dabei um einen Ausdruck individueller persönlicher Meinungen handele, die in keiner Form die Haltung des Festivals wiedergeben würden. Durch die aufgeheizten Debatten in der Öffentlichkeit geriet jedoch der eigentliche Hauptaspekt der Internationalen Filmfestspiele Berlin in den Hintergrund, nämlich die dort gezeigten Filmwerke.

Nicht die Auszeichnung mit dem Dokumentarfilmpreis macht NO OTHER LAND zu einem der wichtigsten Beiträge bei der diesjährigen Berlinale, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Auswirkungen eines seit Jahrzehnten bestehenden Konflikts: der israelischen Siedlungspolitik und militärischen Kontrolle im Westjordanland. Das palästinensisch-israelische Filmkollektiv, bestehend aus Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor, zeigt die Geschehnisse in der Region Masafer Yatta aus der Perspektive der davon betroffenen palästinensischen Zivilbevölkerung. Adra lebt dort mit seiner Familie und begann im Jahr 2019 gemeinsam mit Abraham, das Vorgehen der Militärverwaltung in seinem direkten Umfeld zu filmen. Ihre Dokumentation berichtet von den Auswirkungen einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem im Jahr 2022, die nach über zwanzig Jahren andauernden Verhandlungen ein etwa 3.000 Hektar großes Gebiet mit mehreren bewohnten Dörfern zu einem israelischen Militärübungsplatz erklärte. In Folge wurde die zwischenzeitig pausierte Vertreibung der palästinensischen Landbevölkerung fortgesetzt. Adras und Abrahams Filmmaterial offenbart die Räumung und Zerstörung von Häusern mit Baggern und Bulldozern und die Einrichtung von Notunterkünften für vertriebenen Familien in Höhlen. Es zeugt von friedlichen Protestversuchen der Bürger und der Errichtung von Neubauten, während das Militär die Baumaterialien beschlagnahmt. Mehrfach lassen sich die Verwendung von Eskalationstaktiken und der Einsatz von Gewalt seitens der Soldaten beobachten, ebenso wie die Verfolgung der Filmenden und Angriffe von bewaffneten israelischen Siedlern auf die palästinensischen Dörfer. Ein Bewohner, der einen Stromgenerator festhält, welcher konfisziert werden soll, wird von einem Soldaten angeschossen und schwer verletzt. In einer anderen Situation wird ein Angehöriger von Adra durch einen Bauchschuss aus nächster Nähe von einem Siedler getötet.

Abraham erläutert in dem Dokumentarfilm seine Definition des Begriffs „Apartheid“, den er ebenfalls bei der Bärenverleihung verwendet hat. Er verstehe darunter eine Machtasymmetrie innerhalb der Zivilbevölkerung. Während er als israelischer Staatsbürger mit seinem Pass und Autokennzeichen die Grenze von Israel in das Westjordanland und zurück passieren könne, wäre dies für Basel nicht möglich. Die israelische Militärverwaltung beanspruche die Kontrolle der Westbank und die dort lebenden Palästinenser seien dieser hilflos ausgeliefert.

NO OTHER LAND © Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham, Rachel Szor

NO OTHER LAND agiert als aktivistisches Kino, das die dokumentierten Ereignisse aus dem Moment heraus präsentiert. In den Gesprächen zwischen Adra und Abraham verdeutlicht sich, dass sie an keiner Stelle mit einem Einsatz von terroristischen Mitteln sympathisieren, sondern eine politische Lösung suchen, mit der sich die Autonomie der palästinensischen Zivilbevölkerung im Westjordanland erreichen ließe. In diesen Momenten wird vor allem auch ihr Gefühl der Hilflosigkeit offensichtlich, mit der sie den globalen politischen Entscheidungen begegnen. Ein Lösungsansatz, den sie gewählt haben, ist die Verwendung des Filmmediums. Sie hoffen, dass sie damit einen Teilbereich dieses langanhaltenden Konflikts aus der Perspektive der Betroffenen Palästinenser dokumentieren können, um internationale Aufmerksamkeit zu erreichen. Alle gezeigten Vorgänge fanden im Zeitraum zwischen 2019 und 2023 statt und endeten vor dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der auf einer Infotafel vor dem Abspann erwähnt wird.

Genau an dieser Stelle liegt die Herausforderung an die öffentliche Wahrnehmung ihrer Dokumentation und ihrer Aussagen bei der 74. Berlinale. Dadurch, dass sie das Gezeigte nicht in die aktuellen politischen Kontexte eingeordnet haben, sondern diese Aufgabe den Zuschauern überlassen, um mit ihnen zusammen einen kritischen Diskussionsraum zu eröffnen, machen sie sich angreifbar. Auf der einen Seite gibt es in Deutschland einen durch den Völkermord des Holocausts historisch bedingten Bias gegenüber der Kritik am israelischen Staat. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien teilte im Anschluss auf der Social-Media-Plattform X mit: „Der Applaus von Claudia Roth galt dem jüdisch-israelischen Journalisten und Filmemacher Yuval Abraham, der sich für eine politische Lösung und ein friedliches Zusammenleben in der Region ausgesprochen hat.“ Hier stellt sich die Frage, wie ein solches kryptisches Statement zu deuten sei. Galt ihr Applaus somit nicht dem ausgezeichneten Filmwerk? Oder schloss dieser demzufolge den palästinensischen Journalisten und Co-Filmemacher Basel Adra aus? Besorgniserregend ist ebenfalls Abrahams Mitteilung, dass er und seine Familie in Israel durch die Antisemitismus-Vorwürfe in den Medien Morddrohungen erhalten hätten. Auf der anderen Seite steht hingegen ein emotionaler Bias, der sich im Anschluss an die Berlinale-Vorführung von NO OTHER LAND im Colosseum Kino in Form von unpassend wirkenden Zustimmungsreaktionen einiger Zuschauer manifestierte. „Free, Free Palestine!“-Parolen im Saal und lange selbstgerechte Appelle per Publikumsmikrofon mögen als Solidaritätsbekundungen beabsichtigt gewesen sein. In der Praxis waren sie jedoch kontraproduktiv, da sie die Möglichkeit zu einer aufgeschlossenen Diskussionen mit den Filmemachern auf der Bühne einschränkten.

Was bei alledem auf der Strecke blieb, war eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Inhalt des Dokumentarfilms: Nämlich der Verletzung von Menschenrechten, wie sie im Zusammenhang mit der israelischen Siedlungspolitik auch von den Vereinten Nationen angemahnt wird.

Henning Koch

NO OTHER LAND; Regie: Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham, Rachel Szor