29. JFBB: Jewcy Movies in Berlin und Brandenburg


Quelle horreur! Jetzt auch mit Horrorfokus on top: Vom 13. bis 18. Juni widmet sich das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg wieder der Vielfalt jüdischen Filmemachens und jüdischer Erfahrungswelten, aktuell sowie retrospektiv. Die 29. Ausgabe des etablierten Festivals zeigt 64 Filme, darunter Klassiker, Dokus und eben auch ein Horrorfilm-Special. Zudem ist eine Hommage an den Shoa-Überlebenden Jack Garfein im Programm, der in Hollywood als Film- und Theaterregisseur seine Karriere begründete. Das kanadisch-jüdische Satiriker-Duo YidLife Crisis kuratiert außerdem eine Reihe mit kanadischen Filmen, darunter HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG. Anlässlich des 75. jährigen Bestehens des israelischen Staates werden darüber hinaus ausgewählte Beiträge präsentiert, zu denen auch WALTZ WITH BASHIR (siehe Kurzkritik weiter unten) gehört.

In der Sektion „Jewcy Horror Movies“ ist auch DIBBUK zu sehen, den Teresa Vena anlässlich des Fantasy Filmfests 2016 empfohlen hatte: https://berliner-filmfestivals.de/video/fantasy-filmfest-white-nights-daemon-von-marcin-wrona/

In zwei Wettbewerben konkurrieren aktuelle, internationale Spiel- und Dokumentarfilme miteinander, darunter der THE KLEZMER PROJECT, der dieses Jahr in der Encounters-Sektion der Berlinale seine Premiere feierte. Im „Kino Fermished“ gibt es eine breite Filmauswahl über alle Genres hinweg und Nosh Nosh (jiddisch für „Leckereien“) versammelt ausgewählte Kurzfilme.

Das JFBB versteht sich auch 2023 als Festival mit einem gesellschaftspolitischen Auftrag: Es möchte die Erinnerung an die Shoa wachhalten und weiterhin ein klares Zeichen gegen Antisemitismus, Intoleranz, Rassismus und Verschwörungstheorien setzen – und zwar auch, indem jüdische Perspektiven in ihrer ganzen Vielfalt auf der Leinwand erscheinen.

Marie Ketzscher

Im Folgenden finden sich Tipps aus der BFF-Redaktion:

LETTER TO A PIG

LETTER TO A PIG © Miyu Distribution

Darum geht es
Einen alten Shoah-Überlebenden, der einer Schulklasse von seiner Flucht vor den Nazis erzählt – und den Schweinen in einem Stall, denen er sein Überleben verdankt.

Was du zum Film wissen musst
Tal Kantors Animationsfilm ist eine bewegende Homage an die letzten Zeitzeug*innen des Holocausts – und die mündliche Vermittlung der Gräueltaten, der Angst, des Horrors, den Jüd*innen durchleben mussten. Visuell unglaublich beeindruckend inszeniert Kantor die Erinnerung an das Schwein, die durch die anfangs lachende Schulklasse gestört wird, mittelts Rotoskopie und malerisch-haptischem 2D. Ein Film, der Gänsehaut macht, vor allem, wenn man daran bedenkt, dass es nichts gibt, dass die persönlichen Erinnerungen und Überlieferungen ersetzen kann. – MK

Termine beim JFBB
Dienstag, 13.06.2023, 19:00 Uhr, Hans Otto Theater Potsdam, Kurzfilm in der Sektion Kino Fermished
Mittwoch, 14.06.2023, 15:30 Uhr, Filmkunst 66 Saal 2, Kurzfilm in der Sektion Kino Fermished
Donnerstag, 15.06.2023, 15:00 Uhr, Kino Krokodil, Kurzfilm in der Sektion Kino Fermished
Donnerstag, 15.06.2023, 17:00 Uhr, Kino Toni, Kurzfilm in der Sektion Kino Fermished
Samstag, 17.06.2023, 19:30 Uhr, Filmmuseum Potsdam, Kurzfilm in der Sektion Kino Fermished

WALTZ WITH BASHIR

Darum geht es:
Um einen jungen Soldaten, der während des ersten Libanonkrieges 1982 im Libanon stationiert war. Um individuelle und kollektive Traumata. Um verschüttete Erinnerungen.

Was du zum Film wissen musst:
Ari Folmans WALTZ WITH BASHIR basiert auf seinen eigenen Erfahrungen – die der Regisseur versucht, mit diesem hybriden, dokumentarischen Animationsfilm wieder ins aktives Erinnern zu übersetzen. Im Laufe des Films spricht er mit anderen Weggefährt*innen, versucht über das gemeinsame Nachdenken an so etwas wie Wahrheit zu gelangen. Der Film ist rotoskopiert und war 2009 als bester fremdsprachiger Film für einen Oscar nominiert. Wie Folmans Nachfolgefilme ist WALTZ WITH BASHIR sehr dicht inszeniert, intim und durchaus auch zum Teil verstörend in der drastischen Darstellung von Gewalt und Bedrohung. -MK

Termine beim JFBB 2023
Dienstag, 13.06.2023, 21:00 Uhr, Filmmuseum Potsdam
Mittwoch, 14.06.2023, 21:30 Uhr, IL Kino

DELEGATION

Darum geht es:
Was beginnt wie eine fröhliche Klassenfahrt, hat für die Schüler:innen aus Israel einen ernsten Hintergrund: Auf der für israelische Jugendliche obligatorischen Reise nach Polen besichtigen sie Shoah-Gedenkstätten und ehemalige Konzentrationslager. Frisch, Nitzan, Ido und die anderen stecken mitten in der Pubertät mit all ihren Schwierigkeiten und gegensätzlichen Gefühlen, was die emotionale Reise, an der auch Frischs humorvoller Opa Yosef als Zeitzeuge teilnimmt, nicht einfacher macht.

Was du zum Film wissen musst:
Regisseur Asaf Saban lebt und arbeitet in Tel Aviv. DELEGATION, sein zweiter Langspielfilm, war auf der Berlinale 2023 in der Sektion Generation zu sehen und fängt die Zerrissenheit junger Israelis zwischen Vergangenheit und Zukunft, Gedenken und eigener Identitätsfindung ein. Saban gelingt der Spagat zwischen lustigen, mit ausgelassener Musik unterlegten Szenen einer „normalen“ Klassenfahrt, inklusive Liebeswirren, Partys und Alkohol, und den erschütternden Erkenntnissen, die Frisch und seine Klassenkamerad:innen in Polen über die Gräueltaten der Nazis gewinnen. – StB

Termine beim JFBB 2023
Donnerstag, 15.06.2023, 15:00 Uhr, Filmkunst 66, Saal 1
Freitag, 16.06.2023, 19:30 Uhr, Potsdam: Thalia – Das Programmkino
Samstag, 17.06.2023, 14:45 Uhr, Filmkunst 66, Saal 1
Sonntag, 18.06.2023, 15:00 Uhr, IL Kino

CHEWDAISM: A TASTE OF JEWISH MONTREAL

Darum geht es:
„Eyns, tsvey, drey, NOSH!“ Nach diesem für sich sprechenden Motto essen sich Eli und Jamie einen Tag lang durch Montreal – und erfahren anhand der verschiedensten Gerichte mehr über die Geschichte der kanadischen Stadt und ihrer jüdischen Bewohner:innen. Vom Frühstück über zahlreiche schmackhafte Zwischenmahlzeiten bis zum Abendessen lernen die beiden nicht nur die dank der jüdischen Immigrant:innen aus verschiedensten Ländern facettenreiche jüdische Küche, sondern auch die unterschiedlichsten Menschen aus Montreals großer jüdischer Community kennen.

Was du zum Film wissen musst:
Das kanadisch-jüdische Schauspieler- und Komikerduo Eli Batalion und Jamie Elman nimmt die Zuschauer*innen in CHEWDAISM: A TASTE OF JEWISH MONTREAL in 60 Filmminuten mit auf eine kurzweilige kulinarische Reise durch Kanadas zweitgrößte Stadt Montreal, dessen vielfältige jüdische Küche viel mehr als Bagel zu bieten hat. Das JFBB zeigt den „jewcy“ Film, der Appetit macht, gemeinsam mit NARISHKAYT: YIDLIFE CRISIS IN KRAKOW, in dem sich die Stand-up-Comedians und Macher der Webserie „YidLife Crisis“ auf die Suche ihrer Vorfahren in Krakau machen – und sich dabei auf humorvolle Art für die jüdisch-polnische Verständigung einsetzen. – StB

Termine beim JFBB 2023
Mittwoch, 14.06.2023, 17:00 Uhr, Jüdisches Theaterschiff MS Goldberg
Freitag, 16.06.2023, 19:00 Uhr, Filmkunst 66, Saal 2
Samstag, 17.06.2023, 17:00 Uhr, Potsdam: Filmmuseum

DREAMING OF A JEWISH CHRISTMAS


Darum geht es:
Warum feiern so viele Jüdinnen und Juden Weihnachten Jahr für Jahr in chinesischen Restaurants? Warum ist „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ das jüdischste Weihnachtslied? Gibt es jüdische Weihnachtstraditionen? Und warum stammen so viele weltbekannte Weihnachtslieder wie „White Christmas“ oder „Winter Wonderland“ aus der Feder jüdischer Komponist:innen und Autor:innen? Und ist Weihnachten am Ende das jüdischste Fest von allen?

Was du zum Film wissen musst:
Dokumentarfilmregisseur Larry Weinstein erforscht in DREAMING OF A JEWISH CHRISTMAS in nur 50 Filmminuten mit Witz und Leichtigkeit den Hintergrund des „jüdischen Weihnachten“. 1956 im kanadischen Toronto geboren, löst er nicht nur das Rätsel um die jüdischen Weihnachtsfeiertage im Chinarestaurant, sondern nimmt das Filmpublikum anhand zahlreicher Archivaufnahmen und Interviews, u. a. mit Komponist:innen und anderen Kulturschaffenden, mit auf eine kurzweilig-überraschende Reise durch die Geschichte einiger der bekanntesten US-amerikanischen Weihnachtssongs, die jüdische Immigrant:innen komponierten und texteten. – StB

Termine beim JFBB 2023:
Dienstag, 13.06.2023, 19:00 Uhr, Potsdam: Thalia – Das Programmkino
Mittwoch, 14.06.2023, 22:00 Uhr, Filmkunst 66, Saal 2

DIE RHAPSODIE

Darum geht es:
THE RHAPSODY 1939-1945 – so lautet der Titel eines musikalischen Werkes, das der Musiker und Shoah-Überlebende Leo Spellman, geboren als Lazar Szpilman im polnischen Ostrowiec, kurz nach Kriegsende komponierte. Nachdem das Stück, in dem er seine Erlebnisse und Gefühle verarbeitete, 50 Jahre lang verschollen war, spielt ein kanadisches Orchester es neu ein – begleitet von der Kamera.

Was du zum Film wissen musst:
In DIE RHAPSODIE widmet sich Regisseur David Hoffert der tief bewegenden Lebensgeschichte von Leo Spellman, der 1948 nach Kanada auswandert, in Toronto als Komponist, Konzertpianist und Musikdirektor Karriere macht – und dort im Alter von 99 Jahren einen musikalischen Triumph feiert. Auszüge aus Spellmans bisher unbekanntem Tagebuch, das er während der letzten anderthalb Kriegsjahre führte, fließen in Form von Animationen, gesprochen von Schauspieler Stephen Fry, in den Film über die Kraft der Musik ein, die Spellman ein Leben lang begleitete – und ihm half, zu überleben. Spellman stammte aus einer Musikerdynastie: seinem Cousin, dem Pianisten Władysław Szpilman, setzte Regisseur Roman Polański 2002 in DER PIANIST ein filmisches Denkmal. – StB

Termine beim JFBB 2023:
Mittwoch, 14.06.2023, 17:30 Uhr, Filmkunst 66, Saal 2
Donnerstag, 15.06.2023, 22:00 Uhr, Bundesplatz-Kino
Samstag, 17.06.2023, 21:30 Uhr, Potsdam: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG)