17. ALFILM: Bewegende Einblicke ins arabische Kino


PALÄSTINA 36 © Philistine Films LLC, All Before You Limited, MK Productions, Snowglobe, Film I Vaest, British Broadcasting Corporation, The British Film Institute 2025, Alamode Film
PALÄSTINA 36 © Philistine Films LLC, All Before You Limited, MK Productions, Snowglobe, Film I Vaest, British Broadcasting Corporation, The British Film Institute 2025, Alamode Film

Wie stellt man ein Festivalprogramm mit den besten Filmen aus der arabischen Welt zusammen, wenn die weltpolitischen Eskalationen dort gerade ein neues Hoch erreichen? Es wird keine einfache Aufgabe gewesen sein für das ALFILM-Team um Iskandar Ahmad Abdalla und Pascale Fakhry. In ihrer Programmeinführung schreiben sie selbst: „Es (ALFILM) wird in einer schwierigen Zeit fast volljährig, in einer Zeit, in der so viele Grundsätze und Prinzipien, die einst als unantastbar galten, infrage gestellt werden: von der Unangreifbarkeit des menschlichen Lebens bis hin zu den Grundsätzen der Meinungsfreiheit“. Dementsprechend beschäftigen sich viele Filme in diesem Jahr mit den aktuellen Kriegen und Krisen im Sudan, in Gaza, im Libanon sowie mit einstigen Konflikten und kolonialem Erbe – und der Verantwortung, die westliche Länder für viele dieser Konflikte tragen oder zumindest mitinnehaben – aber es ist auch einiges Hoffnungsfrohes ins Programm gerutscht, sprich: Kino, das die Krisenbilder in den Medien konterkariert. Ein starker Jahrgang jedenfalls, der vom 22. bis 28. April über die Bühne geht.

Eröffnet wird das Festival durch PALESTINE 36 von Annemarie Jacir, der sich mit den kolonialen Wurzeln des Nahostkonflikts beschäftigt und Palästinas Einreichung für den Oscar war. Im Programm „Selection“ zeigt ALFILM aktuelle Produktionen aus der arabischsprachigen Welt sowie Diaspora, darunter einige Perlen internationaler Festivals. Zu den Dokumentarfilmhighlights gehören PUT YOUR SOUL ON YOUR HAND AND WALK, den Sepideh Farsi gemeinsam mit / über die palästinensische(n) Journalistin Fatma Hassouna drehte – die vor der Cannes-Premiere ihres Films durch einen israelischen Luftangriff in Gaza getötet wurde, und der IDFA-Beitrag THOSE WHO WATCH OVER über einen multireligiösen Friedhof in Belgien; Satirisch-Bissiges ist mit THANKING YOU FOR BANKING WITH US von Laila Abbas über Geschlechterungleichheiten in Palästina zu haben; unter den Familiendramen findet sich beispielsweise MY FATHER’S SCENT von Mohamed Siam. Auch Genrefilme geben sich beim ALFILM die Ehre: EXILE von Mehdi Hmili über einen Arbeiter, der durch einen Arbeitsunfall zum Eisenmann mutiert, und ROQUIA von Yanis Koussim, der die Nachwirkungen des algerischen Bürgerkriegs der 90er Jahre in ein furchteinflößendes, paranormales Horror-Szenario verwandelt.

Den Schwerpunkt legt ALFILM auf den Sudan. Das von Talal Afifi kuratierte Spotlight „Sudan: A New Projection—Retrospectives, Revolutions, and Restorations“ wirft dabei Schlaglichter auf Narrative und fragt, wer spricht, wer gezeigt und wer vergessen wird. Neben aktuellen Dokumentarfilmen wie KHARTOUM (siehe Tipps), Spielfilmen wie COTTON QUEEN und einem Kurzfilmprogramm werden restaurierte Avantgarde-Filme der 70er und 80er Jahre aus dem Sudan gezeigt. Auch die Ausstellung „Sudan Retold“ gehört zum Spotlight.

Hinzu kommen zahlreiche Specials: Neben zwei restaurierten Filmen des Großmeisters Youssef Chahine anlässlich seines 100. Geburtstages, gibt es auch zwei Hommagen (an den palästinensischen Darsteller Mohamed Bakri sowie an den ägyptischen Regisseur Daoud Abdel Sayed), Masterclasses, Workshops und Panels – nicht zu vergessen die ALFILM-Party, dieses Jahr anlässlich des Sudan-Schwerpunkts mit einem Konzert der aus Brooklyn kommenden Band Alsarah & The Nubatones. Auch ein berlin-spezifisches Highlight ist darunter: Iris Neidhardt nimmt die Teilnehmer*innen zum Stadtrundgang „Babylon Berlin. Atlas des arabischen Filmwesens im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts“ mit, der zu Orten von deutsch-arabische Begegnungen der 1910-1930er Jahre führt.

Marie Ketzscher

EIN KUCHEN FÜR DEN PRÄSIDENTEN

EIN KUCHEN FÜR DEN PRÄSIDENTEN © Vuelta Germany
EIN KUCHEN FÜR DEN PRÄSIDENTEN © Vuelta Germany

Darum geht es:
„Wir opfern unser Blut und unsere Seelen für dich, Saddam“: Im Zweiten Golfkrieg der 90er Jahre wird Saddam Husseins 50. Geburtstag als Nationalfeiertag begangen. Inmitten von verhängten UN-Sanktionen werden irakische Schüler*innen ausgelost, die für diesen Ehrentag symbolische Geschenke besorgen müssen, weil sie sonst eine öffentliche Bestrafung erwartet. Lamia wird verdonnert, den Kuchen für den Präsidenten zu besorgen und bringt damit ihre ohnehin schon mittellose Oma in Bedrängnis. Es bleibt Lamia nichts übrig, als auf eigene Faust und nur mit Unterstützung ihres Freundes Saeed die benötigten Zutaten zu besorgen – zu kaufen, zu tauschen, zu stehlen. Irgendwie muss dieser Kuchen für den großen Diktator ja entstehen.

Was du zum Film wissen musst:
Hasan Hadis grandiose Palme D’or-gewinnnende Tragikomödie ist vieles: ein unerwartet komisches Road- und viel frühes Coming-of-Age-Movie, mit Kindern, die es längst und leider nicht mehr sein können; eine erschütternde, fein beobachtete Studie eines durch Hussein und die westliche Intervention völlig zerrütteten Landes, und nicht zuletzt eine Hommage an die Menschen, die versuchen, sich Menschlichkeit und Humor zu bewahren. Es existiert hier alles gleichzeitig: Der durch eine US-Bombe erblindete Passagier, der witzelt, dass er sich nun nicht mehr um die Ansehnlichkeit seiner bald in arrangierten Ehe Angetrauten sorgen muss, aber auch der Ladenbesitzer, der die mittellose schwangere Frau hinter die Theke zieht, weil ja in ihrem Zustand „eh nichts mehr schiefgehen könnte“. Getragen wird der Film außerdem durch einen fantastischen Soundtrack, ein großartiges Location Scouting, und vor allem einen tollen Cast – allen voran Baneen Ahmad Nayyef als Lamia und Sajad Mohamad Qasem als Saeed, deren Schicksal einen noch lang beschäftigen wird. – MK

Termine beim 17. ALFILM:
Montag, 27 April 2026, 19:00 Uhr, City Kino Wedding

CABO NEGRO

CABO NEGRO © ALFILM
CABO NEGRO © ALFILM

Darum geht es:
Die Freunde Jafaar und Soundouss leben im marokkanischen Cabo Negro in sommerlicher Idylle. Mithilfe von Jafaars Lover Jonathan sind sie in einer Villa untergekommen. Mit der Zeit wird deutlich, dass Jonathan ihnen keine weitere Unterstützung bietet und beide auf sich allein gestellt sind. Sie müssen mit Sex Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Immer wieder liegt eine angespannte Atmosphäre in der Luft, die von ihrer Hoffnung überschattet wird. Trotz der Ablehnung durch die Marokkaner aufgrund ihrer Homosexualität, finden Jafaar und Soundouss Freunde, mit denen sie eine schöne Zeit verbringen.

Was du zum Film wissen musst:
Der Film porträtiert sensibel zwei beste Freunde, die dasselbe Schicksal erleiden, weil sie ihre Liebe nicht öffentlich ausleben dürfen. Wunderschön ist auch das marokkanische Cabo Negro als sommerliche Kulisse. CABO NEGRO kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn man bedenkt, dass homosexuelle Handlungen seit 1962 in Marokko verboten sind. Es drohen Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis zu drei Jahren, wenn man „erwischt“ wird. Umso mutiger ist es, dass sich der marokkanische Regisseur und Schriftsteller Abdellah Taïa öffentlich als homosexuell geoutet hat. – LR

Termine beim 17. ALFILM Festival
Freitag, 24. April 2026, 21:00 Uhr, Sputnik
Samstag, 25. April 2026, 19:15 Uhr, City Kino

SOME DAY A CHILD

SOME DAY A CHILD © Les FlaneurS, Anchor
SOME DAY A CHILD © Les FlaneurS, Anchor

Darum geht es:
Einen Jungen mit Superkräften, der bei seinem alten Opa in der ärmlichen Einöde Libanons lebt. Mit den Superkräften kann der Junge die Flugbahnen der Kampfjets beeinflussen; einmal ist er mit anderen Kumpels in Radio-Aufnahmen klar zu hören, als sie beim Überflug trommeln und lärmen. In einer Krisenregion über so viel Macht verfügen – das gefährdet den Jungen natürlich. Und sein Onkel will ihn unbedingt schützen.

Was du zum Film wissen musst:
Mit seiner parabelhaften Erzählweise ergründet Marie-Rose Ostas SOME DAY A CHILD die absolute Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit angesichts der ständig andauernden Konflikte zwischen Hisbollah und IDF, der man vielleicht nur noch mit Magie und Zauberkraft beikommen kann – als die aktuellen Ereignisse und die Besatzung südlibanesischer Gebiete durch Israel noch gar nicht in den Schlagzeilen waren. Ein kleiner, berührender Kurzfilm, der bei der Berlinale in der Sektion Berlinale Shorts den Goldenen Bären gewann. Der Titel SOME DAY A CHILD verweist dabei auf den Hoffnungskeim in der Hoffnungslosigkeit: Kinder sind den kriegerischen Konflikten am hilflosesten ausgesetzt, gleichzeitig sind die nachrückenden Generationen die einzige Möglichkeit einer Zukunft. – MK

Termine beim 17. ALFILM (Teil des Programms SHORTS III – Irreparable Welten)
Montag, 27. April 2026, 21:15 Uhr, SİNEMA TRANSTOPIA
Dienstag, 28. April 2026, 19:00 Uhr, Sputnik

SHIP OF FOOLS

SHIP OF FOOLS © ALFILM
SHIP OF FOOLS © ALFILM

Darum geht es:
Im Wahnsinn liegt Wahrheit und die Peripherie kennt die Mitte der Gesellschaft am besten. Als die zwischen Beirut und New York lebende Alia Haju nicht mehr weiß, wohin mit all dem Schmerz, der Wut und der inneren Leere, die die mit all den Jahren als Journalistin und Künstlerin in sich angesammelt hat, trifft sie auf Abu Samra. Er ist davon überzeugt, dass er Superkräfte bekommt (und dann als Übermensch für Frieden sorgt), wenn er nur hart genug an sich arbeitet – also hebt er Felsbrocken, zerkaut Glas, reibt sich mit Steinen das Gesicht ab. Und hat dabei die ganze Zeit gute Laune. Lässt sich von Samras obsessiver Arbeit an sich selbst, die masochistische Züge trägt, etwas lernen?

Was du zum Film wissen musst:
SHIP OF FOOLS ist ein kurzer autobiografischer Dokumentarfilm, den Alia Haju zusammen mit Léa Najjar erarbeitete. Formal und tonal ist SHIP OF FOOLS all over the place, mal bündelt die Autorin Archivmaterial, mal sind ihre Begegnungen mit Abu Samra Performance, dann wieder dokumentarische Befragung, zwischendrin etwas kindlich wirkende Animationsmonster, die die beiden bekämpfen. Der arbiträr wirkende Umgang mit seinem Material macht SHIP OF OF FOOLS dann aber auch besonders, weil er das ewige Zwischendrin, das provisorische Element des (Über)lebens in Beirut, so plastisch einfängt. – MK

Termin beim 17. ALFILM
Dienstag, 28. April 2026, 19:00 Uhr, HAU Hebbel am Ufer (HAU1) als Vorfilm von DO YOU LOVE ME

KHARTOUM

KHARTOUM © Afrikamera
KHARTOUM © Afrikamera

Darum geht es:
Auf dem Löwen reiten, auf der Taube shisha-rauchend die Stadt überblicken, mit dem Moped ohne Tempobegrenzung in den Himmel rasen oder einfach nur: Wieder zurückkommen. Im beachtlichem Dokumentarfilm KHARTOUM geht es um die Menschen, die aus dem Sudan vor dem Bürgerkrieg fliehen mussten und ihre Träume und Wunschvisionen. Da sind die flaschensammelnden Straßenjungs und besten Freunde Lokain und Wilson, Khadmallah, die Teeladen-Besitzerin und alleinerziehende Mutter, die Mathematik studiert; Jawad, der sich im Widerstand engagierte, sowie Majdi, ein Beamter. Vor Green Screens re-enacten sie gemeinsam sowohl grausame Erlebnisse, die sie zur Flucht bewegten, als auch Momente der Schönheit und des Glücks in ihrer Stadt des Herzens, Khartum. Dabei wechseln sich Re-enactment, Animationssequenzen und „behind-the-scenes“ ab – manchmal sitzen sie auch alle in der Garderobe und sprechen, oft nehmen sie sich tröstend in dem Arm.

Was du zum Film wissen musst:
Man spürt, dass hier eine Geschichte der Hoffnung von der grausamen Realität heimgesucht wurde: Die sudanesischen Regisseur*innen Anas Saeed, Rawia Alhag, Ibrahim Snoopy, Timeea M. Ahmed wollten gemeinsam mit dem britischen Regisseur Phil Cox mit ihren jeweiligen Protagonist*innen den demokratischen Wandel des Landes festhalten, als der Bürgerkrieg losbrach; bis heute sind mehr als 10 Millionen Menschen auf der Flucht. Das Footage wirkt aber nicht dated, sondern fügt sich vielmehr konsequent und mit vitaler, unmittelbarer Energie in die Szenen des Exils ein, die in ihrer hybriden Machart von Erinnerung, Sehnsucht und natürlich von Idealisierung erzählen. Die Courage aller Filmschaffenden, die formale Bandbreite in Sachen Narration und Stilmittel – jede*r Protagonist*in wurde von einer anderen Regie inszeniert, was auch unterschiedliche Tonalitäten mit sich bringt – für das Porträt eines zerrissenen Landes voll auszuschöpfen, Gradwanderung zum Kitsch inklusive, macht KHARTOUM so wahnsinnig sehenswert. – MK

Termine beim 17. ALFILM
Samstag, 25. April 2026, 19:00 Uhr, SİNEMA TRANSTOPIA
Sonntag, 26. April 2026, 20:00 Uhr, CineStar Kino in der KulturBrauerei