Weg mit den Klamotten: HEATED RIVALRY, PILLION & THE HISTORY OF SOUND

Ein paar Überlegungen & Schwärmereien*
Die Magnolien blühen – und endlich ist aus dem sagenhaften Gay Hot Winter ein grandioser Gay Hot Frühling geworden. Zwei mit Spannung erwartete schwule Filme im mainstreamigen Arthouse-Kino und noch dazu ein veritabler HBO-Max-Serienhype, und alles gefühlt gleichzeitig – solche Highlightverdichtungen sind selten. Meet the contenders: die heiß erwartete Dom Com PILLION von Harry Lighton, Oliver Hermanus‘ THE HISTORY OF SOUND als historisches Melodrama und Jacob Tierneys HEATED RIVALRY, die vielleicht sexuelle expliziteste queere Mini-Serie, die es je in einen Streaming-Service geschafft hat (oder?). Und der Hype ist berechtigt, größtenteils.

Die vielversprechendste Casting-Entscheidung wurde für die uninteressanteste, stoffeligste der drei Produktionen getroffen: Oliver Hermanus‘ THE HISTORY OF SOUND. Paul Mescal und Josh O’Connor, die in den letzten Jahren zu den Lieblingen des Arthouse-Kinos avanciert sind – und die zudem in zwei wunderbaren schwulen Filmen spielten, nämlich Francis Lees GOD’S OWN COUNTRY sowie Andrew Haighs ALL OF US STRANGERS – sind die Hauptfiguren dieses Dramas mit melodramatischen Anwandlungen, das seinen künstlerisch-sensiblen Gehalt nur vorgibt. Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) lernen sich an der Musikhochschule kennen und entdecken rasch, dass sie eine große Leidenschaft für die einfache Volksweise teilen; über den Austausch und das gemeinsame Singen entsteht die Liebe. Nach dem Ersten Weltkrieg ziehen die zwei durch abgelegene Landstriche, um Lieder aufzunehmen, die vom Verschwinden bedroht sind. Dann verliert sich der Kontakt und wir folgen Lionel durch ziemlich wahllose Lebensepisoden bis ins hohe Alter, in dem er endlich seinen Frieden mit seiner prägenden Liebeserfahrung machen kann. Gleich in der ersten Filmszene wird vollmundig behauptet, dass Lionel Töne nicht nur hören, sondern sie auch sehen, schmecken und fühlen kann – aber nichts von dieser synästhetischen Erfahrungswelt schafft es auch nur ansatzweise auf die Leinwand. Die Dialoge sind hölzern, Szenen- und Kostümbild aufgesetzt, der Plotfaden dünn und selbst die Musik äußerst kraftlos. Am schlimmsten sind jedoch die behauptete Leidenschaft und Anziehung, die man zu keinem Zeitpunkt nachfühlen kann. O’Connor und Mescal liegen genauso verloren miteinander im Zelt herum, wie sie auch in den pittoresken Wiesen stehen und unmotiviert in die Gegend gucken. Die handwerklichen Schwächen unterstreichen auch das fehlende Momentum des Films an sich: So wichtig es ist, Queerness und schwule Lebensgeschichten auch im Sinne der Sichtbar-Machung in der historisierenden Rückschau zu erzählen und dabei Scham, Suizid und Homophobie zu thematisieren, so wenig braucht es den hunderttausendsten, bierernsten Historienfilm mit permanent unglücklichen Gesichtern.

Wech mit solchen Klamotten, und Bühne frei für den ledernen Jockstrap! Harry Lightons PILLION, der Überraschungshit des letztjährigen Cannes-Filmfestivals, erzählt ein ungemein erfrischende Emanzipationsgeschichte im BDSM-Kontext: Colin (eine absolute Entdeckung, der den gesamten Rest des Original-Harry-Potter-Casts lässig in den Schatten stellt: Harry Melling) ist der brave, herzensgute Lieblingssohn mit schiefen Zähnen, den selbst Mama und Papa endlich an den Mann bringen wollen. Doch der Kuppelversuch im Pub misslingt, denn Colin entdeckt die schwule Bikerszene für sich, verkörpert vom sexy-unterkühlten Ray (Alexander Skarsgård) auf seinem blitzenden Motorrad. Liebesschwüre und Kuscheln: Fehlanzeige. Dafür darf Colin auf dem harten Boden vor dem Bett schlafen, kochen und Befehle befolgen. Wenn er brav ist, gibt es hemmungslosen und bisweilen spielerischen Ringkampfsex; manchmal darf Colin sogar zuerst kommen. PILLION ist zwar eine Komödie, aber eine mit bisweilen ernsten Untertönen – denn Colin findet zwar zu sich selbst und seinen Leidenschaften, aber er merkt auch, dass ihm das strenge, einseitig definierte Beziehungskorsett nicht passt. Der Film changiert gekonnt zwischen verschiedenen Tonalitäten, taucht in verschiedene Milieus ein, und er erzählt liebevoll von einer Eltern-Kind-Beziehung, in der es nie darum geht, wen Colin liebt, sondern nur darum, ob er dabei glücklich ist. Und genau an dieser Stelle wird PILLION auch noch produktiv mehrdeutig: Für die einen Zuschauer*innen hat Colin seine devote Identität gesucht und gefunden – und zieht schlussendlich weiter, um mit etwas mehr Entscheidungsmacht sein Glück zu finden. Für die anderen bleibt fragwürdig, ob Ray als erfahrender, dominanter Liebhaber den unbedarft-naiven Colin nicht vielleicht konditioniert hat (Safewords und Grenzen? Werden einfach nie definiert) und dieser die erlernten Muster nun nicht mehr abschütteln kann. Diese Ambivalenz macht PILLION besonders sehenswert.

In Jacob Tierneys HEATED RIVALRY ist hingegen gar nichts ambivalent oder subtil, alles ist in-yer-face – und trotzdem funktioniert die sechsteilige, kanadische Mini-Serie extrem gut. Das Milieu an sich ist jeglicher Normalo-Realität entrückt und entstammt, wie alle Teile der Game-Changers-Reihe, der Feder von Rachel Reid: Shane Hollander (Hudson Williams) und Ilya Rozanov (Connor Storrie) sind vielversprechende junge Eishockey-Spieler in rivalisierenden Teams, die sich schon beim gemeinsamen Duschen kaum mehr zurückhalten können. Aus sehnenden Blicken werden leidenschaftliche Quickies, eine Affäre – und unausweichlich die ganz großen Gefühle, die sich auch mit antrainierter Feindschaftsattitüde kaum mehr kaschieren lassen.
Klingt hanebüchen und voller Klischees? Ist es manchmal auch, vor allem, wenn es um russische Kultur geht. Aber HEATED RIVALRY ist auf den (Höhe)Punkt inszeniert: Atemlos-gut-gelaunt rast die Serie mit diversen Zeitsprüngen von 2008 bis 2017, Williams und Storrie sind bildschön, haben eine unglaubliche Chemie und noch viel mehr Sex, hinzu kommt eine groovige Auswahl an Indie-Klassikern, die man zu lang nicht mehr gehört hat. Das ist heiß, aber das ist es nicht allein. Vor allem ist da diese – von den Fans am meisten glorifizierte – absolute Abwesenheit von Endzeitstimmung und Drama. Ja, die beiden können – noch – nicht offiziell zusammen sein, sich outen, aber aus keinem Unmut wird eine Intrige, aus keinem Trauma wird sadistische Beziehungsunfähigkeit. Hier wollen und sollen sich zwei kriegen, und alle klatschen Applaus (neben einer schwulen Zielgruppe vor allem Hetero-Frauen, wie es scheint – quod erat demonstrandum; psychologisierende Erklärungsmuster, die queere Beziehungen in Sachen Consent und Augenhöhe angesichts der vielen hetero-toxic-masculinity-Skandale romantisieren, werden sicherlich ihren Anteil am Erfolg haben). Das ist so beruhigend und ja, wirklich „heilsam“, zumal man sich mit Serien wie EUPHORIA etc. fast schon an den misery porn als Goldstandard in Sachen (Jugend?Coming-of-Age?)Serie gewöhnt hat. Inwiefern dieses Bubble-Glück in Serienform trotz allem Hype und geradezu aggressiv gut-gelaunter Social-Media-Strategie mit der nun bestätigten zweiten Staffel tatsächlich fortsetzungsfähig ist, und dabei eventuell sogar die Nicht-Hardcore-Fans über den nächsten realen oder auch nur gefühlten Weltlagenwinter tragen wird? Das bleibt abzuwarten. Bis dahin haben wir immer noch das cottage.
* als ich anfing, diesen Text zu schreiben, entdeckte ich, dass die Critic.de-Kolleg*innen natürlich unlängst auf die gleiche Idee gekommen waren, für eine Podcast-Folge Bezüge zwischen den dreien herzustellen. Aber das Fangirl in mir musste dringend raus. Dieser Text ist daher explizit OHNE Hineinhören&Referenzen in und auf diesen oder andere(n) Kritiken oder Analysen dieser Art entstanden. Hier geht es zu besagter Podcast-Folge.