ALLE REDEN ÜBERS WETTER von Annika Pinske


ALLE REDEN ÜBERS WETTER © Ben Bernhard/DFFB

Zerrissen zwischen Stadt und Land

Nach der gemeinsamen Nacht angelt sich Clara (Anne Schäfer) einen Moët-Piccolo aus der Minibar und lässt ihren Lover und Studenten Max (aufgeklärt und deswegen hot: Marcel Kohler) mit einem Zwinkern sehnsuchtsvoll im Bett zurück. Verschmitzt, cool, die Dinge nicht so ernst nehmend – so sehen die Zuschauer*innen Clara in den ersten Filmminuten, und so will sie auch gesehen werden.

Aber es ist längst nicht alles so locker flockig, auch wenn sie als Lieblingsdoktorandin bei ihrer selbstbewussten Professorin (fantastisch: Judith Hofmann) einen Stein im Brett hat und in einer coolen, diversen WG lebt, in der sie manchmal die pubertierende Tochter besuchen kommt, die sonst beim Ex lebt. Das wird klar, als sie zum 60. ihrer Mutter (Anne-Kathrin Gummich) ins Brandenburger Umland fährt, wo die Zweifel lauern. Zum Beispiel die Unsicherheiten, ob sich Clara mit ihrer späten Karriere und ihrem Willen zur Autonomie lächerlich macht, ob sie eigentlich doch „in den Vorstadtosten“ gehört mit ihrer Jugendliebe, dem Dorfbesitzer Marcel (Max Riemelt), AfD-Wählerschaft zum Trotz. Oder die berechtigte nagende Frage, ob sie überhaupt dazugehören will zu dieser akademischen Elite, die sich selbstverliebt und eigentlich ziemlich einsam um sich selbst dreht – und von Kollegialität und Solidarität eigentlich nur theoretisch was wissen will. Claras Gedanken sind natürlich auch mit einer Menge Scham verbunden, für die sie sich wiederum schämt.

ALLE REDEN ÜBERS WETTER, der im Panorama der 72. Berlinale zu sehen ist, ist Annika Pinskes Abschlussfilm und man wundert sich wenig, dass sie für den Komplizen Film als Regieassistentin von Maren Ade tätig war, bevor sie an der DFFB studierte. Da ist nicht nur eine inhaltliche Verwandtschaft zu Ades Filmen, beispielsweise die karriereorientierte, sich verlierende Frau in TONI ERDMANN. Da ist auch der Mut, die Komödie hart dramatisch auflaufen zu lassen und dem Drama seinen bitterbösen Witz zu entlocken, wie er beispielsweise bei der abendlichen Geburtstagsparty eines Professors deutlich wird: Clara erfindet einen Diplomatenvater, um in Sachen Bildungsbürgertum mithalten zu können.

In Anne Schäfer hat Pinske eine hervorragende Protagonistin gefunden, die mit ihrer körperlich-sportlichen Spielweise und ihrem nachdenklichen, bisweilen bohrendem Blick diese Zerrissenheit zwischen den Klassen sowie Stadt und Land glaubhaft verkörpert. Durch ihre Präsenz lässt sich über Besuffski-Gespräche vor der Ortskneipe über „die da oben“ – Floskeln hinwegsehen, die einfach wie Klischees klingen, selbst wenn sie biografisch durch Pinskes Aufwachsen in Frankfurt (Oder) unterfüttert sein mögen. (Auch im Elfenbeinturm wohnt der Gemeinplatz: Claras Vorträge über ihr Doktorarbeitsthema Hegel und Intersubjektivität sind so hölzern und leblos, dass man ihr den eigenen Enthusiasmus für die Philosophie nicht so recht abkaufen mag.)

ALLE REDEN ÜBERS WETTER ist so stark im Aufzeigen von Ambivalenzen und Differenzen, dass der Film zum versöhnlichen Ende hin etwas an Energie verliert. Aber das sind vielleicht unbedeutende Wermutstropfen in einem spannenden Film, der einen cineastisch noch nicht so oft gezeigten weiblichen Lebensentwurf so unterhaltsam wie nachdenklich in den Mittelpunkt stellt.

Marie Ketzscher

Termine bei der 72. Berlinale
Montag, 14. Februar, 19:00 Uhr, Zoo Palast 1
Dienstag, 15. Februar, 17:00 Uhr, Cineplex Titania
Dienstag, 15. Februar, 21:00 Uhr, Kino Union (Berlinale Goes Kiez)
Donnerstag, 17. Februar, 12:00 Uhr, Zoo Palast 2
Samstag, 19. Februar, 20:00 Uhr, Cubix 9

ALLE REDEN ÜBERS WETTER; R: Annika Pinske, D: Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Judith Hofmann, Marcel Kohler, Max Riemelt.