72. Berlinale: Ein Nachtrag


Volles Kino – das gab es 2022 pandemiebedingt nicht © Berlinale

„Eine Reihe von Filmvorführungen, aber kein Festival“

Vor zwei Wochen ging die 72. Ausgabe der Berlinale, eines der international größten Filmfestivals, zu Ende. Nachdem Festivals in den letzten zwei Jahren entweder abgesagt worden waren oder im Online-Betrieb durchgeführt wurden, zuletzt etwa Sundance und Rotterdam, ging die Berlinale das Wagnis ein, zur physischen Ausrichtung zurückzukehren. Wer teilnehmen wollte, musste geimpft oder genesen sein, die Säle wurden nur zur Hälfte belegt. Um die Pressevorführungen besuchen zu können, musste man als akkreditierte Journalistin ausserdem jeden Tag einen negativen Test vorweisen. Filmjournalistinnen und -journalisten (aus aller Welt) reagierten missmutig darauf, dass dieses Jahr Online-Sichtungen der Wettbewerbsfilme für sie nicht möglich sein sollten.

In einem Interview vor Festivalbeginn mit der Frankfurter Rundschau sagte der künstlerische Leiter der Berlinale Carlo Chatrian trotzig, wenn jemand Angst habe, sich beim Festival mit Corona anzustecken, solle er lieber zu Hause bleiben. Diese Aussage wirkt ziemlich selbstgerecht. Die Einschränkungen, denen das Festival unterlag, waren einschneidend und betrafen alle. Neben dem allgemeinen vor allem das Fachpublikum, besonders die Presse.

So fehlten die Kollegen aus Übersee weitgehend, auch viele andere nicht in Deutschland Ansässige – überhaupt hat man an der Berlinale noch nie so viel Deutsch gesprochen wie dieses Jahr. Von in „normalen“ Jahren etwa 3500 Akkreditierten sollen letztlich 1400 gekommen sein – angeblich aus 65 Ländern, wie die Berlinale kommuniziert, doch muss sich dann auf den Sitz der vertretenen Medien und nicht auf den Herkunftsort der jeweiligen Personen beziehen. Dies hat zwangsläufig einen Einfluss auf die Diversität, mit der über das Festival und die Filme berichtet wurde – und widerspricht maßgeblich den Wertvorstellungen in Bezug auf Internationalität und Egalität, die sich die Berlinale sonst auf die Fahne schreibt. Dieses Jahr war das nichts als eine elitäre Veranstaltung.

Das sehen die Veranstalter – natürlich – nicht so, denn sie verbuchen diese Ausgabe offiziell als großen Erfolg: „Der erfolgreiche Abschluss der Berlinale 2022 stimmt uns froh und zuversichtlich. Das gemeinsame Kulturerlebnis ist auch in Pandemiezeiten möglich und wird gerade dann besonders wichtig. Mit dem diesjährigen Festival wollten wir Flagge zeigen für das Kino. Wir freuen uns, dass wir dafür vom Publikum und von den Filmschaffenden so viel Zuspruch erhalten haben“, sagen Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.

Mariette Rissenbeek, Carlo Chatrian © Alexander Janetzko / Berlinale 2019

Auf die Tatsache, dass die Berlinale zahlreiche Bevölkerungsgruppen gleichzeitig ausgeschlossen hat, gehen sie mit von einigen als souveräne Gelassenheit gefeierte, von anderen vielmehr als arrogant empfundene Haltung erst gar nicht ein. Ausgeschlossen waren alle, die sich zuhause um Risikopatienten kümmern, weil diese Personen eine Ansteckung nicht riskieren konnten. Ebenso jene, die alleine Kinder versorgen. Ausgeschlossen hat die Berlinale zudem alle, die den technischen Aufwand scheuten. Karten buchen, vor Ort vorweisen, Impfausweis vorweisen, Tagescoronatest buchen, Test vorweisen – das lief alles übers Mobiltelefon. Das betraft das gesamte anwesende Publikum. Einige Personen, und nicht nur ältere, äusserten sich skeptisch bis verzweifelt. Ein Kollege von der Presse wartete nach dem Test in der Teststation so lange, bis man ihm das Ergebnis ausgedruckt mitgab, was einen beträchtlichen Mehraufwand bedeutete.

Nun, geschah der Aufwand um des Kinos Willen. Carlo Chatrian möchte ja in erster Linie, dass man sich auf die Filme konzentriere. Aber es stellte sich heraus, dass dieser Aufforderung nur schwer nachzukommen war. Die Entscheidung, den Hauptwettbewerb in sechs statt wie gewöhnlich in zehn Tagen durchzuführen, bedeutete, dass man sich die Filme unter höchstem Zeitdruck anschaute. Das verändert die Wahrnehmung derselben. Um das Tagesgeschehen abzubilden, hätte man eine Woche lang jeden Tag jeweils drei bis vier Filme sehen und diese Abends noch rezensieren müssen. So geschah es, dass wir von der Presse aus Mangel an Kapazitäten fast gänzlich das Interesse an den Filmen in den Nebensektionen verloren, obwohl gerade dort, wie die Erfahrung vieler Jahre mit der Berlinale zeigt, oft das Interessanteste zu sehen ist.

PR-Agenten, die Filme aus den Nebensektionen betreuten, waren so frustriert wie die Filmschaffenden selbst. Dass eine physische Ausgabe der 72. Berlinale Filmen und den Filmemachern zu Gute kommen werde, wie im Voraus behauptet wurde, stimmt einfach nicht. Wenn Medienschaffende, wie letztes Jahr, physisch oder online hätten teilnehmen können, hätte uns viele Probleme erspart. Es war ohnehin nur dank Online-Links möglich, bereitwillig vermittelt durch die Sektionsleiter, Interviews zu organisieren und umfangreicher über das Programm zu berichten.

Pressekonferenzen blieben weitgehend leer, weil es auch für diese ein Online-Ticket brauchte, das sich aber nicht buchen liess, wenn zur gleichen Zeit ein Film lief. Anwesenden Regisseuren, wie etwa Ulrich Seidl, deuteten den leeren Saal als Zeichen des verächtlichen Desinteresses an ihrem Werk, das Premiere feierte. Dass dies alles einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung der Filme für das Publikum hatte, ignorierten offenbar die Festivalmacher.

Es war trostlos. Festivalstimmung kam keine auf. Auf dem Gelände war kaum jemand unterwegs, entsprechend wenig haben wir über gesehene Filme diskutiert, wie man es sonst macht. Wo auch, wenn es kaum Plätze gab, wo man sich hätte zusammensetzen können.

Auf dem Vorplatz zum Berlinale-Palast standen mehr Absperrgitter als Fans und offizielle Gäste auf dem Teppich. Für einmal hatten die paar anwesenden Fotografen beste Sicht auf die Stars. Auch das Sicherheitspersonal, dem man seinen Test- und Impfausweis und die Eintrittskarte alle paar Meter von neuem vorweisen musste, schienen zahlreicher als das Publikum.

Üblicherweise werden Filme vor dem Start vorgestellt, diesmal liefen sie einfach an, exakt zur geplanten Anfangszeit. Es gab keine Gäste auf der Bühne und die Säle waren weniger als zur erlaubten Hälfte besetzt. Sowas ist sonst undenkbar beim Berliner Publikum, das seine Karten eher wild zusammenkauft, als sich im Voraus gross über den Film zu informieren. Hauptsache, es geht zur Berlinale! 2022 bloss „eine Reihe von Filmvorführungen, aber kein Festival“, wie es ein Kollege ausdrückte. Da passte es, dass Isabelle Huppert, die den Goldenen Ehrenbären hätte verliehen bekommen sollen, am Vorabend ihren Besuch absagte. Sie hatte sich mit Corona infiziert. Die Veranstaltung fand ohne sie statt.

Diese Entscheidung passt zur Devise, der sich das Festival verschrieben haben musste: Hauptsache, wir ziehen es durch. Für diesen Mut – oder nicht vielmehr Trotz? – gab es Applaus. In erster Linie allerdings aus den eigenen Reihen. Und auch die frischgebackene Kulturministerin Claudia Roth und die frischgebackene Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey waren um Eigenlob nicht verlegen: Kultur sei ihnen beiden eine Herzenssache, für deren Vielfalt würden sie kämpfen werden, war der Tenor.

Doch schafft man es, die ganze Polemik über die Art der Durchführung beseitige zu legen und sich dem Inhaltlichen zuzuwenden, gibt es auch hier einige Kritikpunkte aufzuführen. Es handelt sich nun um die dritte Ausgabe unter der neuen Leitung, von der man sich entscheidenden Qualitätssprung in Bezug auf die Filmauswahl erhofft hatte. Der Wettbewerb und der Nebenwettbewerb („Encounters“) sind dieser Forderung nur sehr bedingt nachgekommen. Man konnte einige viel bessere Beiträge als in den vergangenen Jahren entdecken, doch die schwächeren, ärgerlichen und fragwürdigen sind genauso schwach, ärgerlich und fragwürdig wie vor dem Personalwechsel.

Still aus LES PASSAGERS DE LA NUIT von Mikhaël Hers © © 2021 Nord-Ouest Films, Arte France Cinema

Dieses Jahr hatte der Wettbewerb einen Überschuss an französischen Beiträgen, François Ozon mit seiner handwerklich gut gemeisterten, aber an sich doch langweiligen Fassbinder-Hommage (PETER VON KANT), Mikhaël Hers mit seiner 1980er Nostalgie-Platte über das „Savoir vivre“ der Franzosen (LES PASSAGERS DE LA NUIT), Claire Denis Liebesdreiecksgeschichte (AVEC AMOUR ET ACHARNEMENTS), Isaki Lacuestas Beziehungs- und Attentatbewältigungsdrama (UN AÑO, UNA NOCHE, trotz des Titels spielt der Film in Paris und handelt von der Schießerei im Konzertsaal Bataclan von 2015) und auf ihre Weise genauso „französisch“, weil dem französischen Verständnis von Autorenkino und seinen Themen verpflichtet, Denis Côtés experimenteller Film über eine Gruppe hypersexueller Frauen, die in einen Sommer lang versuchen, ihre Impulse in den Griff zu bekommen (UN ETE COMME CA), Nicolette Krebitz‘ ältere Frau-junger Schüler-Konstellation, die manche als Hommage an den früheren Jean-Luc Godard sehen (AEIOU – DAS SCHNELLE ALPHABET DER LIEBE) und schließlich Hong Sang-soos x-te Abwandlung seiner Grundmotive (THE NOVELIST’S FILM) – bei aller Sympathie mit dem südkoreanischen Regisseur, der meist doch einen interessanten und intelligenten neuen Schlüssel zu seinen Geschichten oder oft Nicht-Geschichten findet, diese Arbeit erscheint uninspiriert, fast schon kompulsiv oder eine weitere Fingerübung.

Und noch ein Werk war französischsprachig, nämlich die Tragikomödie der Schweizer Regisseurin Ursula Meier. Doch LA LIGNE zeichnet sich durch eine wohltuende Komplexität aus, mit der sie die Themen Familie, weibliche Gewalt und psychische Krankheit angeht. Immer wieder wechseln sich ernste und komische Momente ab, der Erzählrhythmus stimmt, die Bildfindung ist präzise und suggestiv zugleich und die Darstellerinnen durchweg herausragend. Schon fast eine Sensation war es, dass im Hauptwettbewerb auch ein zweiter Film aus der Schweiz konkurrierte. Michael Koch präsentierte mit DRII WINTER einen Film, der sich nicht recht einordnen lässt. Er ist einerseits die Liebesgeschichte eines jungen Paares, aber auch die Studie über ein Krankheit und vor allem das Porträt eines Ortes, seiner Einwohner und seiner Landschaft. Die Berge, Wiesen und die Nutztiere werden ebenfalls zu Protagonisten im Film, gleichberechtigt wie die menschlichen Laiendarstellern. Während LA LIGNE bei der Preisverleihung leer ausging, erhielt DRII WINTER immerhin eine Lobende Erwähnung.

Still aus DRII WINTER von Michael Koch © © Armin Dierolf / hugofilm

Das mit den Preisen ist bei der Berlinale ja schon traditionell Anlass für Unverständnis. Unser Kollege Henning Koch hatte sich über die Vergabe des Darstellerpreises an Meltem Kaptan für ihre Rolle in Andreas Dresens RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH geärgert. Ähnlich unverständlich ist der Silberne Bär Preis der Jury an Hong Sang-soo. Der Goldene Bär für ALCARRÀS von Carla Simón kann man aber durchaus gelten lassen, doch ist er wieder in einer Linie mit der Tendenz des Festivals, vor allem politische Werke auszuzeichnen. Es hätte ein paar – wenige – stärker Beiträge gehabt, wie die oben erwähnten oder auch der Spielfilm von Ulrich Seidl – auch wenn unsere Kollegin Bianca Jasmina Rauch nicht ganz damit einverstanden ist.

Still aus KEIKO ME WO SUMASETE von Shô Miyake © 2022 « KEIKO ME WO SUMASETE » Production Committee & COMME DES CINEMAS

Wie vermutet, gab es in den Nebensektionen die stärksten Filme zu entdecken. Das war in Encounters beispielsweise der intime japanische Film KEIKO, ME WO SUMASETE (engl. Titel: SMALL, SLOW BUT STEADY) von Shô Miyake, über eine junge Frau, die Boxerin wird, obwohl sie eigentlich „überhaupt kein Talent dazu hat“, wie der alte Besitzer des Boxclubs sagt. Oder im Panorama wo gleich mehrere starke Filme aufgefallen sind, nämlich TA FARDA (engl. Titel UNTILL TOMORROW) des iranischen Regisseurs Ali Asgari, in dem Sadaf Asgari (YALDA – hier Bianca Jasmina Rauchs Kritik zum Film) eine junge Studentin spielt, die unverheiratet schwanger geworden ist, das Kind bekommen hat und dies vor allen, auch ihren Eltern verheimlichen muss, weil es offiziell illegal ist, und insbesondere THE APARTMENT WITH TWO WOMEN von Kim Se-in.

Still aus THE APARTMENT WITH TWO WOMEN von Kim Se-in © Korean Academy of Film Art

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die südkoreanische Regisseurin von einer außergewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung. Die beiden leben zusammen, aber können sich überhaupt nicht ausstehen. Die Mutter vor allem fühlt sich von der Tochter eingeengt und hat mit ihr immer ein Erinnerungsbild vor Augen, dass sie sich als Mutter nie um sie gekümmert hat – und auch jetzt nicht möchte. Das passiv-aggressive Verhalten der beiden wird zum offen aggressiven und ist stellenweise anrührend-komisch und gleichzeitig beklemmend. Mit beiden Figuren fühlt man einerseits mit, andererseits stoßen sie einen auch ab, die Tochter weil sie sich nicht wehrt, die Mutter weil sie ihren Egoismus nicht einmal versucht zu verbergen. Bildfindung, Rhythmus, Sensibilität mit dem Umgang mit dem Stoff und der Verzicht auf eine moralisierende Haltung machen den Film zu einem durchweg gelungen Porträt nicht nur der südkoreanischen Gesellschaft, deren Familienwerte langsam auseinanderbrechen, sondern auch zu einem allgemeingültigen Bildnis unserer anonymisierten, individualistischen und materialistischen Gesellschaft.

Teresa Vena